Struggling to create happiness

“So many people are struggling to create happiness while their brain is inundated by noise. If your brain is receiving too much information, it automatically thinks you’re under threat and scans the world for the negative first. Because the brain is limited, whatever you attend to first becomes your reality.”

Shawn Achor

https://www.washingtonpost.com/news/inspired-life/wp/2015/06/29/do-these-exercises-for-two-minutes-a-day-and-youll-immediately-feel-happier-researchers-say

Brief an m/einen Sohn

Mein lieber Sohn!

Das Leben ist so schön. Jeder Moment entfaltet sich vor deinen Augen auf wundersame Weise. Habe Achtung vor ihm, da er einen Wimpernschlag später schon nicht mehr existiert. Du bist ein wunderbarer junger Mann, hast noch so viel vor dir. Lass dich von deinen eigenen Sorgen und Ängsten nicht treiben, schenke ihnen nicht allzu viel Beachtung. Das sind nur Prüfungen, die dich auf die Zukunft vorbereiten sollen. Wenn du dich ihnen stellt und sie bestehst, dann wird das Leben dich mit viel Freude belohnen. Befreie dich aus deinen Fesseln, damit du ein freier Mensch von Größe wirst, mein geliebter Sohn.

Dein Vater

Navratri – Dandiya Dancing

Dandiya in Pune

Gestern noch saß ich am Platz vor dem Tempel auf einer Bank, um voller Interesse den bunten Kreis von Menschen, der sich zu laut aus einem Lautsprecher schallender Musik auf eigentümliche Weise gegenläufig zueinander drehte, zu beobachten. Kleine Kinder, Frauen in bunten Saris und Männer in legerer Alltagskleidung gaben sich vergnügt einem verspielten und bezaubernden Tanz hin. Meine Kamera versuchte vergeblich das festzuhalten, was sie in schwachem Licht noch erfassen konnte und fror gleichermaßen die unentwegte Bewegung in ein statisches Bild ein, gerade einmal einen Augenblick erhaschend, während sich der Kreis immer während weiter bewegte.

Wie vergeblich war der Versuch doch gewesen, die Lebendigkeit des Moments festhalten zu wollen.

Deutlich konnte ich die Freude der Menschen spüren und saß noch für ein lange Weile dort, während ich von der Musik und der Leichtigkeit der Atmosphäre inspiriert, sanft in einen indischen Tagtraum fiel.

Heute, nachdem ich meine leichte Abendmahlzeit eingenommen hatte, gehe ich wieder am Tempel vorbei, biege nach kurzem Zögern rechts ab, durchschreite den schmiedeeisernen Bogen zum Vorplatz und nehme abermals auf der einfachen Bank Platz. Ich versuche noch einmal ein Bild mit der Kamera zu machen und trete nahe an die Stufen heran, die zu der überdachten Tanzfläche führen. Als mich ein älterer Mann an meiner Hand schnappt, habe ich bereits jegliche Entscheidungsmöglichkeit verloren, mich aus dieser Situation noch retten zu können. Er drückt mir zwei bunte Holzstäbe so genannte Dandiya Sticks, von zwei Fuß Länge in die Hand und zieht mich in den lebendigen Kreis hinein. So werde ich von einer Sekunde zur anderen Teil des Dandiya Raas Tanzes, der anlässlich der neuntägigen Feierlichkeiten zum Navratri-Fest in ganz Indien veranstaltet wird und ursprünglich aus dem Gujarat stammt. Nach und nach lerne ich die Bewegung und ordne mich dem Rhythmus der Gruppe unter. Im Takt zur Musik schlage ich zuerst den linken Stock in einer Rückhandbewegung nach links und dann mit der rechten Hand nach rechts auf den Stock des Gegenübers. Während sich mein ganzer Körper rhythmisch um die Hüften bewegt, schlage ich meine beide Stöcke zu meiner rechten aufeinander und dann auf die beiden Stöcke meines Gegenübers, indem ich nach links oben aushole. Wenn das Denken wegfällt, dann mache ich alles richtig. Nach jeder Einheit wandert man einen Schritt nach vorwärts und spielt das Spiel mit einem neuen Mann, einer neuen Frau, einem Kind. Da es sich um zwei gegenläufige Kreise handelt, begegne ich unentwegt neuen Menschen und tausche manchmal verlegene, dann wieder entschlossene Blicke mit ihnen aus, bücke mich zu den kleinen Kindern hinunter, um mich sogleich wieder aufzurichten und einer älteren Inderin in Sari mit meinen Stöcken die Ehre zu erweisen. Die Männer schlagen kräftig und dynamisch, deuten Schläge nur an und spielen mit der Energie, während die Frauen weniger energisch, jedoch mit der selben Freude, Schlag um Schlag austauschen.

Wie immer in Indien werde ich auch gerne als Attraktion benützt und so werden Fotos von mir und den Festgästen gemacht. Bevor eine Tanzpause eingelegt wird, schleppt ein älterer Mann noch seinen Freund in meine Nähe, um einen letzten zögerlichen Stockschlag mit mir auszutauschen, der noch mit der Kamera festgehalten werden muss.

Heute ist der 3. Oktober 2014 und der Höhepunkt des Navratri Festes wird im ganzen Land als ein offizieller Feiertag begangen. Von diesem ist jedoch rein formell nichts zu merken. Alle Geschäfte haben geöffnet, die Handwerker höre ich von der Baustelle um die Ecke hämmern, lediglich der Verkehr kommt mir ruhiger vor. Alle Autos, Motorräder und Tuktuks sind mit bunten Blumengirlanden verziert, an der Kühlerhaube, am Lenkrad.

Der neunte und letzte Tag ist auch als Mahanavami bekannt. Nachdem ich vor zwei Tagen so freundlich eingeladen wurde, noch einmal beim Tempel vorbeizukommen, treffe ich dort am Abend nach Einbruch der Dunkelheit ein und setzt mich wieder auf eine Bank. Nach zehn Minuten erkennt mich ein soeben noch ganz in den Tanz vertiefter junger Mann wieder, deutet mir, dass ich kommen solle und begrüßt mich mit seinem breiten Lächeln. Mit den Dandiya Sticks in der Hand fange ich zu tanzen an und bewege mich, Stockschläge austauschend, unentwegt von einem Menschen zum nächsten. Heute sind alle hier festlich gekleidet! Besonders die jungen Frauen sehen in ihren Anarkali-Suits einfach unglaublich bezaubernd aus. Ich tanze und tanze, eine gute Stunde lang und teile die echte Freude, die mir hier begegnet mit allen Anwesenden. Die laut schallende Musik, die vielen Menschen, welche wohl die Lieder gut kennen müssen, da sie so zahlreich mitsingen, die Abfolge von Momenten verdichtet sich unentwegt und ich spüre einen Anflug von Trance in mir aufkommen.

Wenn da nicht immer wieder die kleinen Kinder wären, die mir auf ihre unschuldige Weise ihre Stöcke entgegen schmettern, so dass ich aufpassen muss, nicht auf den Fingern getroffen zu werden.

Der ausgelassene Abend wird mit einer Puja zu Ehren der Göttin Durga abgeschlossen. Öl-Lampen werden entzündet und die versammelte Menge beginnt wohl ein religiöses Lied zu singen, begleitet von lautem Trommeln und rhythmischem Klatschen.

Lange noch sitze ich mit ein paar Männern zusammen und wir unterhalten uns über die Dinge die man teilt, wenn man sich erst vor Kurzem kennengelernt hat. Ein wie mir vorkommt sehr gut situierter Mann in Pension, der gerade aus Amerika von seiner Tochter gekommen war, lädt mich zu sich ein und gibt mir noch seine Telefonnummer. Viele meiner neuen Bekannten werde ich bald wieder treffen, da ich bereits die nächste Einladung zu einer Zeremonie anlässlich des bevorstehenden Neumondes bekommen habe.

 

Vom Umgang mit Gedanken

Durch die Übung von Innehalten, Atmen und das Beobachten von Körperempfindungen arbeiten wir in MBSR kontinuierlich daran, Raum in uns zu schaffen, der von Bewusstsein durchdrungen wird. Ein Raum der nicht mehr nur von automatischen Reaktionen regiert wird, sondern zunehmend auch als Spielraum erfahren werden kann.

In Stresssituation reagieren wir sowohl auf der Ebene der Gedanken als auch des Körpers. Der Körper ist dabei ein wunderbares Wahrnehmungs-Instrument und ein guter Freund, um Stressauslöser zu identifizieren. Über ihn erfahren wir wichtige Frühwarnsymptome, die auf der Ebene der Gedanken weitaus schwieriger zu erfassen sind. Diese Erfahrung lässt sich durch Übung auch in weiterer Folge auf die Gedanken übertragen.

Unsere Gedanken und speziell jene, die mit Bewertungen einhergehen, entscheiden in hohem Maße darüber, wie wir Stress erleben und darauf reagieren. Ein Großteil des belastenden Anteils von Stress entsteht im Kopf. Dies wussten bereits die alten Griechen wie folgendes Zitat belegt:

[quote]Die Menschen werden nicht durch die Ereignisse selbst, sondern durch die Sicht der Ereignisse beunruhigt. (Epiktet)[/quote]

Durch die Achtsamkeit auf die Gedanken in der Sitzmeditation erlernen wir, stressverschärfende Gedanken wahrzunehmen und mit einer freundlichen Haltung zu beobachten. Wir erfahren, dass Gedanken als Ereignisse verstanden werden können, die vorübergehend erscheinen, also kommen und gehen. Dies zu erlernen erfordert Übung, Ausdauer und Geduld. Indem wir uns auf diese Einsicht beziehen, verlieren die Gedanken immer mehr an Macht über uns, besonders in schwierigen Situationen.

Entgegen gängigem Verständnis geht es in der Meditation nicht darum, einen Zustand von Gedankenleere zu erreichen, sondern Gedanken als solche zu erkennen und dann auch wieder ziehen zu lassen. Die Forschungsfrage welche wir damit an uns selbst richten lautet: Bin ich meine Gedanken oder habe ich Gedanken?

Akzeptieren

Wenn Gedanken sehr hartnäckig oder schwierig sind, besteht der erste Schritt immer darin, sie vorerst einmal wahrzunehmen und ihre Anwesenheit anzuerkennen. Wir sollten uns in keinem Fall dafür verurteilen oder bestrafen, dass sie da sind!

Alternativ kann man ganz bewusst  Selbstmitgefühl entwickeln, indem man innerlich formelhafte Sätze wie „die Gedanken dürfen da sein“, „ich darf Fehler machen“ ausspricht. Das „Ich darf“ ist ein Ausdruck von Akzeptanz und ein Schritt zur inneren Erlaubnis hin, so denken zu dürfen, wie man es gerade tut.

Hinterfragen

Du kannst dir aber auch Fragen stellen wie:

  • Ist das wirklich so?
  • Ist dieser Gedanke hilfreich?
  • Würde eine andere Person, die ich schätze, diesen Gedanken als hilfreich erleben?
  • Was würde ein guter Freund oder eine gute Freundin sagen?
  • Was genau ist so schlimm daran?

Naturphänomen

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass wir von Zeit zu Zeit den Himmel zu unserem Beobachtungsfeld erklären, um darin das Wesen unserer Gedankenwelt zu erkennen.

Schaue in den Himmel und beobachte die Wolken wie sie vorüberziehen. Stelle dir vor, du wärst der Himmel und die Gedanken wären die Wolken die da kommen und gehen, sich fortlaufend verändern. 

In diesem Sinnbild sind Wolken die Gedanken und der Himmel die Achtsamkeit. 

Atmen und Empfinden

Und immer wieder können wir uns, wenn wir uns in Gedanken verloren haben, auf die einfache Übung der Atem- und Empfindungsbeobachtung beziehen. 

Der Geist als Sinnesorgan

Wir können unseren Geist auch als das Sinnesorgan für unsere Gedanken betrachten. So wie wir die Veränderlichkeit von Körperphänomen beobachten, können wir die Unbeständigkeit von Gedanken wahrnehmen. Eine fundamentale Eigenschaft unseres Geistes ist es, zu denken. Dies ist seine wesentliche Aufgabe. Wir brauchen uns jedoch nicht zum Sklaven unserer eigenen Gedanken zu machen. Durch die Meditation entsklaven wir uns sozusagen von ihnen.

Was können wir wahrnehmen, wenn wir unsere Gedanken beobachten?

  • Wir bemerken, wie wir Geschichten erzählen, Gedanken spinnen, innere Landschaften von Tatsachen schaffen, die in der Realität außerhalb von uns nicht existieren. Wir können uns bewusst machen, wie wir die Landkarte mit der realen Welt verwechseln.
  • Wir entdecken wie Gedanken kommen und gehen, ungefragt auftauchen, bleiben und wieder vergehen.
  • Wir sehen einen unendlichen Strom mentaler Ereignisse an uns vorüber ziehen.

Und wieder hilft uns die Natur dabei, unsere innere Wesenheit besser verstehen zu lernen:

Stürme mit unterschiedlicher Intensität tauchen in der Atmosphäre unseres Planeten auf. Wie stark die Stürme auch sein mögen, der Himmel zeigt sich davon unberührt. Er bietet stets genügend Raum, ihnen uneingeschränkt ihre Entwicklung nehmen zu lassen.

Mit der Achtsamkeit schaffen wir diesen Raum in uns selbst, so dass wir die Stürme unserer Gedanken vorüberziehen lassen können. Indem wir uns auf diese Art und Weise von unseren selbst-limitierenden Gedanken befreien, fördern wir einen stabilen Zustand von Freiheit und Frieden.

Mehr anstatt weniger Stress

Fibonacci Sequence

Durch die langsame und kontinuierliche Zunahme der Achtsamkeit nehmen wir die Welt um uns herum deutlicher und intensiver wahr. Damit erfahren wir auch unangenehme Dinge in unserem Leben mit größerer Klarheit. Unsere gute Absicht, den Stress zu verringern, wird mitunter dadurch durchkreuzt, dass wir durch die Lupe der Achtsamkeit noch mehr davon wahrnehmen, ohne darum gebeten zu haben. Dies kann zu der irrigen Annahme führen, den falschen Weg der Heilung gewählt zu haben.

Wenn ein Patient der unter einer Krankheit leidet einen Arzt aufsucht, dann wird ihm der Arzt nicht sofort eine Medizin verschreiben, sondern zunächst eine gründliche Untersuchung durchführen. Auf Basis des Untersuchungsergebnisses wird er eine Diagnose stellen und dann eine geeignete Medizin oder Behandlung vorschlagen.

Indem wir uns selbst zum Diagnostiker unserer eigenen Erfahrung erklären, führen wir diese Untersuchung an uns selbst durch, ergründen im Detail wie wir auf der Ebene des Geistes, der Gefühle und des Körpers reagieren. Bis jetzt haben wir das vielleicht vermieden und eher mit den uns vertrauten Strategien im Umgang mit Problemen gehandelt. Wir haben damit unsere elementare Erfahrung zugedeckt, betäubt und ignoriert.

Mit dem Mittel der Achtsamkeit verweilen wir bei all den unangenehmen Empfindungen, Gedanken und Gefühlen die von Moment zu Moment in uns auftauchen, lassen sie da sein, wie einen Gast den wir nicht eingeladen haben, dem wir aber dennoch das Angebot der Begegnung zuteilwerden lassen und ihm mit Offenheit und Neugier begegnen.

Wir empfinden vielleicht den Drang das Problem rasch lösen oder das Unangenehme daran beseitigen zu wollen und entscheiden uns dennoch dafür, es zuzulassen, da sein zu lassen, nicht weg haben zu wollen.

Dies ist ein Akt von unglaublicher Größe und Liebe zu sich selbst.

Checkliste: Stressverschärfende Gedanken

Manche Gedanken sind besonders dazu geeignet unseren Stress zu verstärken. Sie sind unbemerkt zu einem Teil von uns selbst, unserer Sicht der Dinge und der Welt geworden. Durch jahrelange Kultivierung reiften sie allmählich zu einer Art Realität heran, die irgendwann nicht mehr in Frage gestellt wurde. 

In MBSR arbeiten wir daran, diese in unser Gehirn »eingebrannten« Gedanken zu erkennen und mit der Lupe der Achtsamkeit zu erforschen. Wenn wir sie in dieser nicht urteilenden Haltung beobachten, verlieren sie an Kraft, werden wieder das was sie sind, Gedanken und nicht mehr.

 

Wie vertraut sind ihnen folgende Gedanken?

Am liebsten mache ich alles selbst.
Ich halte das nicht durch.
Es ist entsetzlich, wenn etwas nicht so läuft, wie ich will oder geplant habe.
Ich werde versagen.
Das schaffe ich nie.
Es ist nicht akzeptabel, wenn ich eine Arbeit nicht schaffe oder einen Termin nicht einhalte.
Ich kann diesen Druck (Angst, Schmerzen etc.) einfach nicht aushalten.
Ich muss immer für meinen Betrieb da sein.
Probleme und Schwierigkeiten sind einfach nur fürchterlich.
Es ist wichtig, dass ich alles unter Kontrolle habe.
Ich will die anderen nicht enttäuschen.
Es gibt nichts Schlimmeres, als Fehler zu machen.
Auf mich muss 100%iger Verlass sein.
Es ist schrecklich, wenn andere mir böse sind.
Starke Menschen brauchen keine Hilfe.
Ich will mit allen Leuten gut auskommen.
Es ist schlimm, wenn andere mich kritisieren.
Wenn ich mich auf andere verlasse, bin ich verlassen.
Es ist wichtig, dass mich alle mögen.
Bei Entscheidungen muss ich mir 100% sicher sein.
Ich muss ständig daran denken, was alles passieren könnte.
Ohne mich geht es nicht.
Ich muss immer alles richtig machen.
Es ist schrecklich, auf andere angewiesen zu sein.
Es ist ganz fürchterlich, wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt.

aus © 2011, Springer-Verlag GmbH. Aus: Kaluza, G.: Stressbewältigung

Die Fragen stammen aus der »Checkliste: Stressverschärfende Gedanken«

 

3sat- Scobel zum Thema Buddhismus heute

In der immer sehr empfehlenswerten gleichnamigen 3sat- Sendung von Gerd Scobel wurde diesmal über das Thema Buddhismus heute diskutiert. Hervorheben möchte ich einen kurzen Beitrag der sich dem Thema Yoga und Meditation  widmet, den Basiskonzepten von MBSR.

In diesem Beitrag kommt auch der bekannte Achtsamkeitsforscher Prof. Dr. Stefan Schmidt vom Universitätsklinikum Freiburg zu Wort und erklärt die Wirksamkeit und Erforschung von Achtsamkeit im klinischen Umfeld. Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt wurde zwar nicht in der Sendung selbst veröffentlicht, jedoch kann es in der Mediathek von Scobel angesehen werden.

 

Slumdog Millionaire

Auf der Brücke, die über eine Hauptbahn-Linie von Mumbai führt, erhalte ich die letzte Anweisung von meinem Guide Ganesha, dass ich ab sofort keine Fotos mehr machen dürfe. Die Menschen hier würden sich ansonsten wie im Zoo vorkommen, obwohl sie einer geregelten Arbeit nachgingen, ihre Kinder zur Schule schicken würden, und überhaupt, weil es so viele Vorurteile in Bezug auf Slums gäbe, die alle haltlos wären.

Mumbai ist eine unglaublich große Megacity, hier leben alleine im Kern-Stadtgebiet um die 25 Millionen Menschen und hier im größten Slum von Indien vor dessen Eingangspforte ich nun stehe wahrscheinlich eine Million Menschen, so genau weiß das niemand. Die Bevölkerungsdichte dieser Stadt wird erst dann erfahrbar, wenn man sich vor Augen hält, dass hier im Slum Dharavi diese eine Million Menschen auf gerade einmal 2 km² haust.

 

Ganesha mein Guide ist im ältesten Slum der Stadt groß geworden und verdient sich nun sein Geld, indem er mit fünf anderen jungen Männern geführte Slumtouren anbietet. Der Leser fragt sich vielleicht, welches Motiv einen Touristen in ein Slum führen würde. 

Slums gehören zum Stadtbild von Mumbai so wie die Häuser der Gründerzeit in Wien. Sie sind integraler Bestandteil der Stadt, ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und Lebensraum für Millionen von Menschen. Aus diesem Grund beginne ich meine Exploration der Stadt auf diese Art und Weise.

 

Mein erster Eindruck ist, dass es hier nicht so schlimm aussieht wie angenommen, viel Wellblech und einfachste Behausungen, aber ansonsten wirken die Menschen hier wie anderswo, sind sauber gekleidet und ich fühle mich sicher. Ganesha führt mich in eine Seitengasse und erklärt mir, was meine Augen nur von Bildern aus dem Fernsehen kennen, von Schockreportagen aus Afrika und China. In diesem Teil des Slums werden Kunststoffabfälle kleingehackt, zerschnipselt und farblich sortiert. Wir zwängen uns durch eine enge Gasse, ein LKW bringt frische Säcke voll von Plastikabfällen, schwarze und graue  Innereien von Gerätschaften. In den winzigen Werkstätten wird gehackt, sortiert, geschreddert und eingeschmolzen. Zwei Arbeiter stehen vor großen blauen Tonnen und waschen die kleinen Kunststoff- Stücke in einer schwachen Lauge (ohne Handschuhe), entfernen letzte Reste von Staub und Dreck. Das schmutzige Wasser rinnt in einem offenen Kanal entlang der Strasse ab und wenn es den Weg bis zum Fluss schafft, denn würde es dort eingeleitet werden. Jetzt verstehe ich, was mit all dem Mist den auch wir produzieren passiert. Er wird an Orten wie diesen recycelt und in einen neuen Rohstoff verwandelt. Die ganze Welt liefert Mist hierher.

 

Ganesha erklärt mir, dass die Männer hier jeden Tag 150 Rupien verdienen, meist würden sie auf Akkord arbeiten. Die Miete für ein Slumzimmer beträgt um die 2000 Rupien pro Monat. Ich erfahre, dass in dem Raum den ich gerade betrete vier bis acht Personen wohnen würden. Der Raum hat gerade einmal 12 m². Hier würde gekocht, gewohnt und geschlafen werden. Wie ich später erfahre hat die Stadt in diesem Slum öffentliche Toiletten errichtet. Tausend Menschen teilen sich hier gerade einmal ganze sieben Toiletten. Eine von tausend Familien kann es sich leisten einen privaten Sanitärbereich einzurichten.

 

Ich kann es nicht fassen was ich hier sehe, zu unwirklich erscheint mir alles, ich fühle mich wie auf einem anderen Planeten, in einer anderen Zeit. Es ist unglaublich heiß und schwül. Dazu überall die schlechte Luft, die giftigen Abgase von den Chemikalien der vielen kleinen Betriebe hier. 

Mein Auge erkennt vor allem harte Kontraste. Alles ist scharfkantig, eng, man  muss unglaublich aufpassen wohin man tritt, dann muss ich mich schnell bücken, weil ein Stahlteil in Augenhöhe auftaucht. Wir durchqueren Gassen die ein dicker Mensch nicht mehr passieren könnte, so eng ist es hier im Slum. Im Schatten ist es zwar deutlich angenehmer als auf den breiteren Wegen, aber der Gestank den ich hier einatme raubt mir den Atem und bald auch die Sinne. Auch verliere ich jede Orientierung und bin sehr sehr froh, dass mich jemand sicher durch diesen Dschungel führt. Nach einer Stunde Slumtour bin ich verschwitzt und stinke nach Rauch. 

Wir befinden uns jetzt im Bereich der Töpfer und der Töpferbrennereien. Die schönen von Hand geklopften Töpfe werden in Freiluft-Öfen gebrannt. In so einem Ofen finden um die 200 Töpfe Platz. Sie werden gestapelt und dazwischen mit alter Roh-Baumwolle hinterfüllt. Begrenzt wird der Ofen lediglich durch eine meterhohe Ziegelmauer. Bis die Töpfe fertig gebrannt sind, dauert es wahrscheinlich Stunden, denn die Baumwolle glimmt langsam vor sich hin, entwickelt unglaublich viel Rauch, der sich überall in der Umgebung niederlässt.

Ich halte mir mein Shirt vor die Nase, so dicht ist der Rauch hier und jetzt bemerke ich auch wie sich meine Bronchien verengen. Erste Gefühle von Platzangst tauchen auf.

 

Wie überall sind die Kinder heiter, sprechen mich an und zeigen mir was sie alles können. 

Ich frage Ganesha, weshalb mich Kinder und Erwachsene bitten würden, mit ihnen auf einem Foto abgebildet zu werden. Seine Antwort ist ehrlich und heiter zugleich. Diese Fotos hätten deshalb einen so großen Stellenwert, da sich die Protagonisten darauf mit der Unwahrheit schmücken würden, dass der weiße Mann neben ihnen niemand Geringerer als ein berühmter Filmstar aus Amerika wäre. 

 

In den Slums wohnen nicht nur arme Menschen, sondern auch solche die hier aufwuchsen, eine Ausbildung genossen und gute Jobs in der Stadt hätten. Die Slums wären ihre Heimat, welche sie nicht verlassen würden. Shailesh der Gründer des kleinen Touristen-Unternehmens mache auch gerade seinen PhD in Chemie, erzählt mir mein Guide.

 

Im Laufe der Tour beobachte ich noch Menschen dabei, wie sie in einem kleinen stickigen Zimmer mit hektisch laufendem Deckenventilator Kurtis, indische Mäntel, nähen. Die Nähmaschinen werden so schnell bedient, dass sie sich wie Maschienengewehrsalven anhören. Ich werde sehen, wie Leder geglättet, mit Lack besprüht und dann zu teueren Taschen verarbeitet wird. Oder ich werfe einen Blick in eine Werkstatt, die moderne Trolleys produziert.

 

Soeben ging ich noch durch die engen Gassen in welchen Slumdog Millionaire gedreht wurde, jetzt stehe ich vor einer riesigen stinkenden Müllhalde.

 

Nach über zwei Stunden in einem der größten Slums der Welt bin ich froh, dass ich nicht hier geboren wurde, hier nicht leben muss. Einerseits verspüre ich grosse Dankbarkeit, dies alles einmal mit all meinen Sinnen erlebt zu haben, andererseits möchte ich nur weg, weit weg.

Kurkuma Blessings

Der freundliche Chauffeur wartet pünktlich um zehn Uhr auf mich und meinen Arbeitskollegen Peter. Wie jeden Tag kann ich auch heute keine einzige Wolke am Himmel entdecken und deshalb habe ich außer einer Wasserflasche, der Kamera und einer kleinen Tasche nichts dabei. Jetzt am Morgen ist es noch angenehm kühl, so um die zwanzig Grad wird es im Schatten haben. Um diese Tageszeit befindet sich Pune noch im Dunst. Heute sehe ich das erste Mal die kleinen grünen Papageien durch die Luft fliegen, die sich ansonsten in den Baumkronen der großen Bäume hier verstecken und bei Dunkelheit zu Hunderten ein grandioses Zwitschern von sich geben.

Gut dass ich tags zuvor meine Suche auf Sehenswürdigkeiten außerhalb Punes ausgeweitet hatte, denn in nur 50km Entfernung befindet sich der berühmte Khandoba Tempel in der Stadt Jejuri. Die Reise dorthin führt uns durch die endlose Stadt und ihren dichten Samstag Vormittags Verkehr an vielen Feldern vorbei, auf welchen Zuckerrohr, Reis, Tomaten und Mais angebaut werden. Die graue Stadt weicht dem weiten Grün des Hinterlandes.

Noch kommen uns nur vereinzelt Männer in weiß entgegen, eine Fahne mit einer orangen Flagge in der linken Hand tragend, denn es sollten noch viele mehr werden, ja Gruppen von mehreren hundert Leuten, die sich zu Fuß auf dem Weg zurück von ihrer Pilgerreise in die Stadt befinden. Meist sind es alte Männer, und ihre Habseligkeiten tragen sie in ein Tuch gewickelt auf dem Kopf, während sie mit ihren einfachen Slippers schnellen Schrittes entlang der Strasse ihr Ziel, nach Hause zu kommen, vor Augen haben.

Der Tempel Khandoba liegt auf einem Hügel und ist nur zu Fuß erreichbar. Vor dem Aufgang zum Tempel breiten sich links und rechts der schmalen Strasse kleine Läden dicht aneinander gedrängt aus. Wer den gelben Staub noch nicht mitgebracht hat, kann sich hier noch damit eindecken. Zu Ehren des Gottes Khandoba werden Unmengen von Kurkuma oder Gelbwurz in und um den Tempel herum geopfert. Am Eingangstor zu den Treppen liegt eine heilige Kuh aus Stein am Boden und wartet darauf mit dem gelben Puder überschüttet zu werden. Da und dort sehe ich einen Ganesha und einen Shiva, alle sind sind sie gelb und orange gefärbt. Entlang des steilen Weges nach oben, der über breite alte Steinstufen führt, kann man sich in Trance trommeln lassen, das fehlende Kurkuma und religiöse Devotionalien kaufen oder einem Bettler, einem Kind ohne Beine, einer Frau ohne Arme ein Paar Rupien geben.

Im Innenhof der Tempelanlage angelangt, bereue ich keinen Moment die Fahrt hierher an diesen Ort. Wie in jedem Tempel muss man auch hier zuvor seine Schuhe ausziehen. Bereits nach ein paar Schritten sind meine Fußsohlen vom Staub auf dem Steinboden gelb gefärbt und noch sind meine Hose und T-Shirt weiß geblieben. Die prächtige alte Anlage wird von einem umlaufenden Arkadengang gesäumt, der einen fantastischen Rundum-Blick in die Umgebung bietet. Hier sitzen Menschen und unterhalten sich andächtig oder versuchen mit mir in Kontakt zu kommen.

Ein freundlicher Inder mit einer gelben Stirn und zwei gelben Handabdrücken auf seinem blauen Hemd fragt mich woher ich komme und wie es mir hier gefalle. Wie immer habe ich nur die besten Worte für sein Land bereit und so dauert es auch nicht lange, dass er mich fragt, ob ich mich dazu bereit erklären würde, für ein Foto mit seiner Familie zur Verfügung zu stehen. Gerne stelle ich mich in die Mitte und lasse mich fotografieren, so als wäre ich der erste Mensch mit weißer Hautfarbe, der hier gewesen wäre. Für mich ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen zu fragen, ob ich sie gleichfalls fotografieren dürfe. Diese Bilder darf ich dann ganz nahe machen, so als wäre ich ein guter Freund und nicht ein Tourist der sich auf Jagd nach Intimität durch die Linse befindet.

Gut, dass ich noch von dem Vater erfahre, dass ich mich für fünfzig Rupien in die Fast-Lane einreihen dürfe. Anstatt gut zwei bis drei Stunden zu warten, befinde ich mich bereits nach drei Minuten im Innern des Heiligtums. Dies sind die ganz besonderen Momente die einem im Leben widerfahren und ich bin sehr dankbar dafür, einen solchen miterleben zu dürfen. In dem kleinen und stickigen Raum können gerade einmal fünf bis zehn Leute ganz dicht an das Heiligtum, den Gott Khandoba, herantreten. Nicht die prächtige Gottheit an der Wand, nein der kleine schwarze Stein ist der Gott der im Zentrum der Verehrung steht. Man weist mich an, die Hände auf das kleine Brett vor dem Stein zu legen und dann bekomme ich auch schon von einer warmen, breiten Handfläche eine Ladung Gelbwurz auf meine Stirn gedrückt. Mehr als eine halbe Minute darf man hier nicht verweilen und so kann ich gerade für ein paar Augenblicke die intensive Stimmung in mich aufnehmen, einen Blick auf die tief konzentrierten Pilger werfen, die hier vor ihrem wichtigsten Gott anmutigst die Hände falten.

Auf dem Weg hinunter zurück in das Dorf werde ich von dem Gruß einer Frau mit auffallend roten Lippen und in einen weißen Sari gekleidet, irritiert. Ich erinnere mich der Eunuchen von Bombay, der Hijras. Vor einer Woche hatte ich noch im Internet davon gelesen, jetzt schauen mich zwei Augen an und ich weiß nicht so recht, wie ich auf den Gruß reagieren sollte. Meine Haltung ist wage, unentschlossen und so erwidere ich den Gruß leicht halbherzig. Die Hijras werden in Indien auch als drittes Geschlecht bezeichnet. Gut ein Drittel von ihnen ist tatsächlich kastriert. Sie verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Tanzen und Segnungen auf Hochzeiten, bei Hauseinweihungen und nach der Geburt von Söhnen. Meist leben sie unter der Obhut eines Gurus oder sie arbeiten als Prostituierte.

Auf der langen Fahrt zurück nach Pune sehe ich einen Jungen in einer Stadt reglos am staubigen Boden liegen. Ein Auto fährt in geringstem Abstand an ihm vorbei. Ein Hund mit lahmen Beinen quert die Straße.

Es sind die harten Kontraste welche dieses Land so atemberaubend schön und hässlich zugleich machen.

Und wieder feiert eine Firma ein gewaltiges Incentive vor dem Hotel, mit indischen Techno-Beats, Lichtshow und Live-Projektion auf Screens zu beiden Seiten der großen Bühne.