Pune – Erster Kontakt mit der Fülle

Am Morgen beschließe ich, in die Stadt zu fahren. Das Ziel sollte die alte Wehranlage sein. Meine erste Fahrt mit einem TukTuk seit über 26 Jahren macht mir riesig Spass. Ich lasse alles an mir vorüberziehen, mache mich ganz durchlässig, um die Erfahrung bis in alle Zellen zu spüren. Die Fahrt gerät zu einem Abenteuer. Unaufhörliches Hupen, schieben, angasen und stehenbleiben. Der Fahrer stellt sich geschickt an und bewegt sich wie ein Wiesel, flink und schlau durch den sich ständig verändernden Verkehr. Für das ungeübte Auge stellt sich der Verkehr als ein unglaubliches Chaos dar, scheinbar ohne Ordnung und voll von Gefahren. Trotz alledem, kommt man schnell voran, in diesem Organismus der sich nicht einfach erklären lässt. Man muss ihn erfahren haben. Ich gewinne den Eindruck, dass die Inder permanent drängeln. Dieses Verhalten ist mir auch schon in Dubai aufgefallen. Es findet sich im Straßenverkehr wieder. Jeder möchte schnell voran kommen, jeder freie Platz wird genutzt, um noch einen Meter weiter vorwärts zu kommen. Dabei weichen sie geschickt, wenngleich im allerletzten Moment, allen Hindernissen aus, die sich in den Weg stellen. Autos, Motorräder und Fußgänger bilden eine Einheit, schrammen aneinander vorbei, warnen sich durch ständige Huperei. Die Hupe ersetzt die Ampel, die Verkehrszeichen und die Polizei.

Eine unglaubliche Freundlichkeit wird mir an vielen Orten entgegengebracht. Ein Familie mit vielen süßen Kindern spricht mich an, ob ich mit ihnen auf einem Foto sein könnte. Die Kinder freuen sich, strahlen, haben ihren Spaß. Die Eltern sind stolz und kommunizieren über ihren ältesten Sohn, der ein wenig Englisch spricht. Alles kommt vom Herzen. Ich werde sie noch einmal an einem anderen Ort in der Anlage treffen. Dort fragt mich der Sohn, ob ich ein paar Euromünzen für ihn hätte, da er sie sammle. Seine Augen strahlen als ich meine Geldbörse öffne und ihm gebe, was ich an Münzen finden kann.

Ein junger Bursche möchte mir historische Daten über die Anlage vermitteln. Ich winke ab, da ich denke, dass er mir eine private Führung aufdrängen möchte. Es ist mir dann sehr peinlich, als ich seine gute Absicht erkenne und dass er mir von Herzen gerne etwas erzählen möchte, nur um mit mir in Kontakt zu kommen. So sprechen wir für einige Zeit miteinander, über das was er macht und was mich nach Indien führt.

Dann kommt bereits die nächste Kontaktaufnahme mit einer Gruppe junger Studenten. Auch die bitten mich, ob ich mit ihnen auf einer Aufnahme zu sehen sein könnte. Die Szene wird noch dadurch verstärkt, dass ich links und rechts einen Arm um die Schulter gelegt bekomme. Mit so viel Offenheit und Freude im Kontakt habe ich nicht gerechnet.

Hier wird mir auch klar, dass man in Indien nie alleine ist. Es gibt keinen Ort, der nicht von Menschen belebt wird, meist sehr vielen. Stille und Einsamkeit sind eine Illusion.

Der Weg führt mich weiter in die Altstadt. An einem kleinen Straßenlokal, wo viele Menschen stehen, stärke ich mich mit einer Masala Dosa um 25 Rupien. Gestern zahlte ich noch 60 für die gleiche Portion. Ich darf aus nächster Nähe beobachten, wie eine Dosa nach der anderen vor meinen Augen auf einer großen heißen Platten zu einer knusprigen Köstlichkeit verarbeitet wird. Die Kartoffelmasse wird gleichmässig auf die Dosa aufgetragen. Dann wird sie zusammengerollt und mit je einer Tasse Sambar und Kokosnuss Chutney an den hungrigen Touristen übergeben. An einem schmalen Tisch verspeiste ich die Dosa mit einer Gruppe anderer Inder im Stehen. Mir wird von einem Studenten nebenan erklärt, dass ich nicht so sehr auf die Hygiene achten solle, dafür sei hier alles sehr billig. In meinem Geiste taucht die Angst auf, ich würde bald Durchfall leiden.

Die Altstadt entpuppt sich als ein riesiger Markt. Nahrungsmittel, Blumen, Textilien und religiöse Gegenstände werden feilgeboten. Teils direkt auf der Strasse oder in Läden, die oft so klein sind, dass gerade mal ein Mensch im Schneidersitz darin Platz findet. Auch hier finde ich ein wildes buntes Treiben, untermalt von permanentem Gehupe und einem Potpurie von Düften. Schritt um Schritt ein neuer Duft. Von Rosen, Räucherstäbchen, Urin, Autoabgasen, Holzkohlenfeuer und Kerosin-Abbrand durchtränkte Luft lässt einem manchmal schnell eine Seitengasse nehmen, damit man sich erholen kann. Für einen Augenblick zumindest.

Bei meiner Schlenderei durch die Gassen führt mich der Weg zu einem wunderschönen alten Tempel in einem großzügigen Innenhof. Der Tempel zu Ehren Ramas wird gerade renoviert. Er ist zum größten Teil aus Holz erbaut. Nur der wunderbare Turm ist aus Stein, voll von Gottheiten und religiösen Ornamenten. Hier, wie sonst auch überall, wird gewerkt. Indien, so scheint mir, ist eine einzige riesige Baustelle. Neues entsteht, Altes geht langsam kaputt. Alles hat seine Zeit, niemand drängt, dass die Dinge ihre Funktion erhalten mögen. Die Lösung ergibt sich von selbst, man muss nur abwarten. Noch nie ist mir Geburt und Zerfall, Schönheit und Grässlichkeit näher vor Augen geführt worden, als hier an diesem Ort. In Bombay hatte ich bereits nach der Ankunft das selbe Gefühl. Es ist das Gefühl, dass der Tod bereits nach der Geburt an allem nagt, den Menschen, den Tieren und der unbelebten Welt. Die ganze Dramatik des Lebens kann in einer indischen Großstadt auf engstem Raum erlebt und verstanden werden. Eigenartig, wie abgeklärt ich an verstümmelten Menschen, die im Dreck liegen vorbei gehen kann. Aber dann steht da eine Gruppe von Frauen in wunderschönen bunten Saris. Und dann wirst du von einem Inder freundlich angelächelt. Ich nehme die Dinge so wie sie sind. Mir bleibt nichts anderes übrig.

Nach einem langen Tag in der Stadt flüchte ich mich ins Hotel, flüchte aus Indien. Hier werde ich lediglich durch das Gehupe, das bis in den elften Stock dröhnt daran erinnert, dass ich nicht in Europa bin.