Navratri – Dandiya Dancing

Dandiya in Pune

Gestern noch saß ich am Platz vor dem Tempel auf einer Bank, um voller Interesse den bunten Kreis von Menschen, der sich zu laut aus einem Lautsprecher schallender Musik auf eigentümliche Weise gegenläufig zueinander drehte, zu beobachten. Kleine Kinder, Frauen in bunten Saris und Männer in legerer Alltagskleidung gaben sich vergnügt einem verspielten und bezaubernden Tanz hin. Meine Kamera versuchte vergeblich das festzuhalten, was sie in schwachem Licht noch erfassen konnte und fror gleichermaßen die unentwegte Bewegung in ein statisches Bild ein, gerade einmal einen Augenblick erhaschend, während sich der Kreis immer während weiter bewegte.

Wie vergeblich war der Versuch doch gewesen, die Lebendigkeit des Moments festhalten zu wollen.

Deutlich konnte ich die Freude der Menschen spüren und saß noch für ein lange Weile dort, während ich von der Musik und der Leichtigkeit der Atmosphäre inspiriert, sanft in einen indischen Tagtraum fiel.

Heute, nachdem ich meine leichte Abendmahlzeit eingenommen hatte, gehe ich wieder am Tempel vorbei, biege nach kurzem Zögern rechts ab, durchschreite den schmiedeeisernen Bogen zum Vorplatz und nehme abermals auf der einfachen Bank Platz. Ich versuche noch einmal ein Bild mit der Kamera zu machen und trete nahe an die Stufen heran, die zu der überdachten Tanzfläche führen. Als mich ein älterer Mann an meiner Hand schnappt, habe ich bereits jegliche Entscheidungsmöglichkeit verloren, mich aus dieser Situation noch retten zu können. Er drückt mir zwei bunte Holzstäbe so genannte Dandiya Sticks, von zwei Fuß Länge in die Hand und zieht mich in den lebendigen Kreis hinein. So werde ich von einer Sekunde zur anderen Teil des Dandiya Raas Tanzes, der anlässlich der neuntägigen Feierlichkeiten zum Navratri-Fest in ganz Indien veranstaltet wird und ursprünglich aus dem Gujarat stammt. Nach und nach lerne ich die Bewegung und ordne mich dem Rhythmus der Gruppe unter. Im Takt zur Musik schlage ich zuerst den linken Stock in einer Rückhandbewegung nach links und dann mit der rechten Hand nach rechts auf den Stock des Gegenübers. Während sich mein ganzer Körper rhythmisch um die Hüften bewegt, schlage ich meine beide Stöcke zu meiner rechten aufeinander und dann auf die beiden Stöcke meines Gegenübers, indem ich nach links oben aushole. Wenn das Denken wegfällt, dann mache ich alles richtig. Nach jeder Einheit wandert man einen Schritt nach vorwärts und spielt das Spiel mit einem neuen Mann, einer neuen Frau, einem Kind. Da es sich um zwei gegenläufige Kreise handelt, begegne ich unentwegt neuen Menschen und tausche manchmal verlegene, dann wieder entschlossene Blicke mit ihnen aus, bücke mich zu den kleinen Kindern hinunter, um mich sogleich wieder aufzurichten und einer älteren Inderin in Sari mit meinen Stöcken die Ehre zu erweisen. Die Männer schlagen kräftig und dynamisch, deuten Schläge nur an und spielen mit der Energie, während die Frauen weniger energisch, jedoch mit der selben Freude, Schlag um Schlag austauschen.

Wie immer in Indien werde ich auch gerne als Attraktion benützt und so werden Fotos von mir und den Festgästen gemacht. Bevor eine Tanzpause eingelegt wird, schleppt ein älterer Mann noch seinen Freund in meine Nähe, um einen letzten zögerlichen Stockschlag mit mir auszutauschen, der noch mit der Kamera festgehalten werden muss.

Heute ist der 3. Oktober 2014 und der Höhepunkt des Navratri Festes wird im ganzen Land als ein offizieller Feiertag begangen. Von diesem ist jedoch rein formell nichts zu merken. Alle Geschäfte haben geöffnet, die Handwerker höre ich von der Baustelle um die Ecke hämmern, lediglich der Verkehr kommt mir ruhiger vor. Alle Autos, Motorräder und Tuktuks sind mit bunten Blumengirlanden verziert, an der Kühlerhaube, am Lenkrad.

Der neunte und letzte Tag ist auch als Mahanavami bekannt. Nachdem ich vor zwei Tagen so freundlich eingeladen wurde, noch einmal beim Tempel vorbeizukommen, treffe ich dort am Abend nach Einbruch der Dunkelheit ein und setzt mich wieder auf eine Bank. Nach zehn Minuten erkennt mich ein soeben noch ganz in den Tanz vertiefter junger Mann wieder, deutet mir, dass ich kommen solle und begrüßt mich mit seinem breiten Lächeln. Mit den Dandiya Sticks in der Hand fange ich zu tanzen an und bewege mich, Stockschläge austauschend, unentwegt von einem Menschen zum nächsten. Heute sind alle hier festlich gekleidet! Besonders die jungen Frauen sehen in ihren Anarkali-Suits einfach unglaublich bezaubernd aus. Ich tanze und tanze, eine gute Stunde lang und teile die echte Freude, die mir hier begegnet mit allen Anwesenden. Die laut schallende Musik, die vielen Menschen, welche wohl die Lieder gut kennen müssen, da sie so zahlreich mitsingen, die Abfolge von Momenten verdichtet sich unentwegt und ich spüre einen Anflug von Trance in mir aufkommen.

Wenn da nicht immer wieder die kleinen Kinder wären, die mir auf ihre unschuldige Weise ihre Stöcke entgegen schmettern, so dass ich aufpassen muss, nicht auf den Fingern getroffen zu werden.

Der ausgelassene Abend wird mit einer Puja zu Ehren der Göttin Durga abgeschlossen. Öl-Lampen werden entzündet und die versammelte Menge beginnt wohl ein religiöses Lied zu singen, begleitet von lautem Trommeln und rhythmischem Klatschen.

Lange noch sitze ich mit ein paar Männern zusammen und wir unterhalten uns über die Dinge die man teilt, wenn man sich erst vor Kurzem kennengelernt hat. Ein wie mir vorkommt sehr gut situierter Mann in Pension, der gerade aus Amerika von seiner Tochter gekommen war, lädt mich zu sich ein und gibt mir noch seine Telefonnummer. Viele meiner neuen Bekannten werde ich bald wieder treffen, da ich bereits die nächste Einladung zu einer Zeremonie anlässlich des bevorstehenden Neumondes bekommen habe.

 

Slumdog Millionaire

Auf der Brücke, die über eine Hauptbahn-Linie von Mumbai führt, erhalte ich die letzte Anweisung von meinem Guide Ganesha, dass ich ab sofort keine Fotos mehr machen dürfe. Die Menschen hier würden sich ansonsten wie im Zoo vorkommen, obwohl sie einer geregelten Arbeit nachgingen, ihre Kinder zur Schule schicken würden, und überhaupt, weil es so viele Vorurteile in Bezug auf Slums gäbe, die alle haltlos wären.

Mumbai ist eine unglaublich große Megacity, hier leben alleine im Kern-Stadtgebiet um die 25 Millionen Menschen und hier im größten Slum von Indien vor dessen Eingangspforte ich nun stehe wahrscheinlich eine Million Menschen, so genau weiß das niemand. Die Bevölkerungsdichte dieser Stadt wird erst dann erfahrbar, wenn man sich vor Augen hält, dass hier im Slum Dharavi diese eine Million Menschen auf gerade einmal 2 km² haust.

 

Ganesha mein Guide ist im ältesten Slum der Stadt groß geworden und verdient sich nun sein Geld, indem er mit fünf anderen jungen Männern geführte Slumtouren anbietet. Der Leser fragt sich vielleicht, welches Motiv einen Touristen in ein Slum führen würde. 

Slums gehören zum Stadtbild von Mumbai so wie die Häuser der Gründerzeit in Wien. Sie sind integraler Bestandteil der Stadt, ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und Lebensraum für Millionen von Menschen. Aus diesem Grund beginne ich meine Exploration der Stadt auf diese Art und Weise.

 

Mein erster Eindruck ist, dass es hier nicht so schlimm aussieht wie angenommen, viel Wellblech und einfachste Behausungen, aber ansonsten wirken die Menschen hier wie anderswo, sind sauber gekleidet und ich fühle mich sicher. Ganesha führt mich in eine Seitengasse und erklärt mir, was meine Augen nur von Bildern aus dem Fernsehen kennen, von Schockreportagen aus Afrika und China. In diesem Teil des Slums werden Kunststoffabfälle kleingehackt, zerschnipselt und farblich sortiert. Wir zwängen uns durch eine enge Gasse, ein LKW bringt frische Säcke voll von Plastikabfällen, schwarze und graue  Innereien von Gerätschaften. In den winzigen Werkstätten wird gehackt, sortiert, geschreddert und eingeschmolzen. Zwei Arbeiter stehen vor großen blauen Tonnen und waschen die kleinen Kunststoff- Stücke in einer schwachen Lauge (ohne Handschuhe), entfernen letzte Reste von Staub und Dreck. Das schmutzige Wasser rinnt in einem offenen Kanal entlang der Strasse ab und wenn es den Weg bis zum Fluss schafft, denn würde es dort eingeleitet werden. Jetzt verstehe ich, was mit all dem Mist den auch wir produzieren passiert. Er wird an Orten wie diesen recycelt und in einen neuen Rohstoff verwandelt. Die ganze Welt liefert Mist hierher.

 

Ganesha erklärt mir, dass die Männer hier jeden Tag 150 Rupien verdienen, meist würden sie auf Akkord arbeiten. Die Miete für ein Slumzimmer beträgt um die 2000 Rupien pro Monat. Ich erfahre, dass in dem Raum den ich gerade betrete vier bis acht Personen wohnen würden. Der Raum hat gerade einmal 12 m². Hier würde gekocht, gewohnt und geschlafen werden. Wie ich später erfahre hat die Stadt in diesem Slum öffentliche Toiletten errichtet. Tausend Menschen teilen sich hier gerade einmal ganze sieben Toiletten. Eine von tausend Familien kann es sich leisten einen privaten Sanitärbereich einzurichten.

 

Ich kann es nicht fassen was ich hier sehe, zu unwirklich erscheint mir alles, ich fühle mich wie auf einem anderen Planeten, in einer anderen Zeit. Es ist unglaublich heiß und schwül. Dazu überall die schlechte Luft, die giftigen Abgase von den Chemikalien der vielen kleinen Betriebe hier. 

Mein Auge erkennt vor allem harte Kontraste. Alles ist scharfkantig, eng, man  muss unglaublich aufpassen wohin man tritt, dann muss ich mich schnell bücken, weil ein Stahlteil in Augenhöhe auftaucht. Wir durchqueren Gassen die ein dicker Mensch nicht mehr passieren könnte, so eng ist es hier im Slum. Im Schatten ist es zwar deutlich angenehmer als auf den breiteren Wegen, aber der Gestank den ich hier einatme raubt mir den Atem und bald auch die Sinne. Auch verliere ich jede Orientierung und bin sehr sehr froh, dass mich jemand sicher durch diesen Dschungel führt. Nach einer Stunde Slumtour bin ich verschwitzt und stinke nach Rauch. 

Wir befinden uns jetzt im Bereich der Töpfer und der Töpferbrennereien. Die schönen von Hand geklopften Töpfe werden in Freiluft-Öfen gebrannt. In so einem Ofen finden um die 200 Töpfe Platz. Sie werden gestapelt und dazwischen mit alter Roh-Baumwolle hinterfüllt. Begrenzt wird der Ofen lediglich durch eine meterhohe Ziegelmauer. Bis die Töpfe fertig gebrannt sind, dauert es wahrscheinlich Stunden, denn die Baumwolle glimmt langsam vor sich hin, entwickelt unglaublich viel Rauch, der sich überall in der Umgebung niederlässt.

Ich halte mir mein Shirt vor die Nase, so dicht ist der Rauch hier und jetzt bemerke ich auch wie sich meine Bronchien verengen. Erste Gefühle von Platzangst tauchen auf.

 

Wie überall sind die Kinder heiter, sprechen mich an und zeigen mir was sie alles können. 

Ich frage Ganesha, weshalb mich Kinder und Erwachsene bitten würden, mit ihnen auf einem Foto abgebildet zu werden. Seine Antwort ist ehrlich und heiter zugleich. Diese Fotos hätten deshalb einen so großen Stellenwert, da sich die Protagonisten darauf mit der Unwahrheit schmücken würden, dass der weiße Mann neben ihnen niemand Geringerer als ein berühmter Filmstar aus Amerika wäre. 

 

In den Slums wohnen nicht nur arme Menschen, sondern auch solche die hier aufwuchsen, eine Ausbildung genossen und gute Jobs in der Stadt hätten. Die Slums wären ihre Heimat, welche sie nicht verlassen würden. Shailesh der Gründer des kleinen Touristen-Unternehmens mache auch gerade seinen PhD in Chemie, erzählt mir mein Guide.

 

Im Laufe der Tour beobachte ich noch Menschen dabei, wie sie in einem kleinen stickigen Zimmer mit hektisch laufendem Deckenventilator Kurtis, indische Mäntel, nähen. Die Nähmaschinen werden so schnell bedient, dass sie sich wie Maschienengewehrsalven anhören. Ich werde sehen, wie Leder geglättet, mit Lack besprüht und dann zu teueren Taschen verarbeitet wird. Oder ich werfe einen Blick in eine Werkstatt, die moderne Trolleys produziert.

 

Soeben ging ich noch durch die engen Gassen in welchen Slumdog Millionaire gedreht wurde, jetzt stehe ich vor einer riesigen stinkenden Müllhalde.

 

Nach über zwei Stunden in einem der größten Slums der Welt bin ich froh, dass ich nicht hier geboren wurde, hier nicht leben muss. Einerseits verspüre ich grosse Dankbarkeit, dies alles einmal mit all meinen Sinnen erlebt zu haben, andererseits möchte ich nur weg, weit weg.

Kurkuma Blessings

Der freundliche Chauffeur wartet pünktlich um zehn Uhr auf mich und meinen Arbeitskollegen Peter. Wie jeden Tag kann ich auch heute keine einzige Wolke am Himmel entdecken und deshalb habe ich außer einer Wasserflasche, der Kamera und einer kleinen Tasche nichts dabei. Jetzt am Morgen ist es noch angenehm kühl, so um die zwanzig Grad wird es im Schatten haben. Um diese Tageszeit befindet sich Pune noch im Dunst. Heute sehe ich das erste Mal die kleinen grünen Papageien durch die Luft fliegen, die sich ansonsten in den Baumkronen der großen Bäume hier verstecken und bei Dunkelheit zu Hunderten ein grandioses Zwitschern von sich geben.

Gut dass ich tags zuvor meine Suche auf Sehenswürdigkeiten außerhalb Punes ausgeweitet hatte, denn in nur 50km Entfernung befindet sich der berühmte Khandoba Tempel in der Stadt Jejuri. Die Reise dorthin führt uns durch die endlose Stadt und ihren dichten Samstag Vormittags Verkehr an vielen Feldern vorbei, auf welchen Zuckerrohr, Reis, Tomaten und Mais angebaut werden. Die graue Stadt weicht dem weiten Grün des Hinterlandes.

Noch kommen uns nur vereinzelt Männer in weiß entgegen, eine Fahne mit einer orangen Flagge in der linken Hand tragend, denn es sollten noch viele mehr werden, ja Gruppen von mehreren hundert Leuten, die sich zu Fuß auf dem Weg zurück von ihrer Pilgerreise in die Stadt befinden. Meist sind es alte Männer, und ihre Habseligkeiten tragen sie in ein Tuch gewickelt auf dem Kopf, während sie mit ihren einfachen Slippers schnellen Schrittes entlang der Strasse ihr Ziel, nach Hause zu kommen, vor Augen haben.

Der Tempel Khandoba liegt auf einem Hügel und ist nur zu Fuß erreichbar. Vor dem Aufgang zum Tempel breiten sich links und rechts der schmalen Strasse kleine Läden dicht aneinander gedrängt aus. Wer den gelben Staub noch nicht mitgebracht hat, kann sich hier noch damit eindecken. Zu Ehren des Gottes Khandoba werden Unmengen von Kurkuma oder Gelbwurz in und um den Tempel herum geopfert. Am Eingangstor zu den Treppen liegt eine heilige Kuh aus Stein am Boden und wartet darauf mit dem gelben Puder überschüttet zu werden. Da und dort sehe ich einen Ganesha und einen Shiva, alle sind sind sie gelb und orange gefärbt. Entlang des steilen Weges nach oben, der über breite alte Steinstufen führt, kann man sich in Trance trommeln lassen, das fehlende Kurkuma und religiöse Devotionalien kaufen oder einem Bettler, einem Kind ohne Beine, einer Frau ohne Arme ein Paar Rupien geben.

Im Innenhof der Tempelanlage angelangt, bereue ich keinen Moment die Fahrt hierher an diesen Ort. Wie in jedem Tempel muss man auch hier zuvor seine Schuhe ausziehen. Bereits nach ein paar Schritten sind meine Fußsohlen vom Staub auf dem Steinboden gelb gefärbt und noch sind meine Hose und T-Shirt weiß geblieben. Die prächtige alte Anlage wird von einem umlaufenden Arkadengang gesäumt, der einen fantastischen Rundum-Blick in die Umgebung bietet. Hier sitzen Menschen und unterhalten sich andächtig oder versuchen mit mir in Kontakt zu kommen.

Ein freundlicher Inder mit einer gelben Stirn und zwei gelben Handabdrücken auf seinem blauen Hemd fragt mich woher ich komme und wie es mir hier gefalle. Wie immer habe ich nur die besten Worte für sein Land bereit und so dauert es auch nicht lange, dass er mich fragt, ob ich mich dazu bereit erklären würde, für ein Foto mit seiner Familie zur Verfügung zu stehen. Gerne stelle ich mich in die Mitte und lasse mich fotografieren, so als wäre ich der erste Mensch mit weißer Hautfarbe, der hier gewesen wäre. Für mich ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen zu fragen, ob ich sie gleichfalls fotografieren dürfe. Diese Bilder darf ich dann ganz nahe machen, so als wäre ich ein guter Freund und nicht ein Tourist der sich auf Jagd nach Intimität durch die Linse befindet.

Gut, dass ich noch von dem Vater erfahre, dass ich mich für fünfzig Rupien in die Fast-Lane einreihen dürfe. Anstatt gut zwei bis drei Stunden zu warten, befinde ich mich bereits nach drei Minuten im Innern des Heiligtums. Dies sind die ganz besonderen Momente die einem im Leben widerfahren und ich bin sehr dankbar dafür, einen solchen miterleben zu dürfen. In dem kleinen und stickigen Raum können gerade einmal fünf bis zehn Leute ganz dicht an das Heiligtum, den Gott Khandoba, herantreten. Nicht die prächtige Gottheit an der Wand, nein der kleine schwarze Stein ist der Gott der im Zentrum der Verehrung steht. Man weist mich an, die Hände auf das kleine Brett vor dem Stein zu legen und dann bekomme ich auch schon von einer warmen, breiten Handfläche eine Ladung Gelbwurz auf meine Stirn gedrückt. Mehr als eine halbe Minute darf man hier nicht verweilen und so kann ich gerade für ein paar Augenblicke die intensive Stimmung in mich aufnehmen, einen Blick auf die tief konzentrierten Pilger werfen, die hier vor ihrem wichtigsten Gott anmutigst die Hände falten.

Auf dem Weg hinunter zurück in das Dorf werde ich von dem Gruß einer Frau mit auffallend roten Lippen und in einen weißen Sari gekleidet, irritiert. Ich erinnere mich der Eunuchen von Bombay, der Hijras. Vor einer Woche hatte ich noch im Internet davon gelesen, jetzt schauen mich zwei Augen an und ich weiß nicht so recht, wie ich auf den Gruß reagieren sollte. Meine Haltung ist wage, unentschlossen und so erwidere ich den Gruß leicht halbherzig. Die Hijras werden in Indien auch als drittes Geschlecht bezeichnet. Gut ein Drittel von ihnen ist tatsächlich kastriert. Sie verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Tanzen und Segnungen auf Hochzeiten, bei Hauseinweihungen und nach der Geburt von Söhnen. Meist leben sie unter der Obhut eines Gurus oder sie arbeiten als Prostituierte.

Auf der langen Fahrt zurück nach Pune sehe ich einen Jungen in einer Stadt reglos am staubigen Boden liegen. Ein Auto fährt in geringstem Abstand an ihm vorbei. Ein Hund mit lahmen Beinen quert die Straße.

Es sind die harten Kontraste welche dieses Land so atemberaubend schön und hässlich zugleich machen.

Und wieder feiert eine Firma ein gewaltiges Incentive vor dem Hotel, mit indischen Techno-Beats, Lichtshow und Live-Projektion auf Screens zu beiden Seiten der großen Bühne.

 

 

Tauben unter dem Dach

Noch immer finde ich das Gurren der Trauben direkt unterhalb meines Kopfes befremdlich. Eine undichte Stelle im Dach muss es den Vögeln ermöglicht haben, vorbei am Wachpersonal, Zugang zum Office eines weltweit operierenden Unternehmens zu bekommen. In meiner Phantasie entferne ich eine Platte der abgehängten Decke und blicke mitten in ein Nest mit kleinen Tauben. Niemand der Anwesenden Teilnehmer scheint sich an der Tatsache zu stoßen und so beschließe ich diesen Umstand nicht anzusprechen. Was würde passieren, wenn noch andere Tiere auf die Idee kämen sich hier ein Zuhause zu errichten? Dieser Gedanke führt mich zu weit weg und ich wende mich wieder meinen Aufgaben zu.

Während ich diese Zeilen auf der Terrasse des Hotels schreibe werde ich von dichten Nebelschwaden eines beißenden und stinkenden Mittels gestört. Zur Vorbereitung der Hochzeit heute Abend wird das gesamte Gelände um das Hotel herum mit einem Insektizid von Moskitos befreit. Ich komme mit dem Barkeeper ins Gespräch und nutze die Gelegenheit, um mich über die Feierlichkeit zu erkundigen.

Eine Hochzeit dieser Größe kostet der Familie der Braut ca. eine Million Rupien, das wären so um die 30 Monatsgehälter eines gut verdienenden Angestellten. Eine gewaltige Summe für den größten Teil der Bevölkerung. Die Hochzeit wäre wahrscheinlich arrangiert, dies sei in solchen reichen Kreisen immer der Fall, sagt er. Vielleicht kennen sich Braut und Bräutigam erst seit ein paar Wochen, bestenfalls Monaten. Erst wenn zwischen den Familien alles klappe und sich die Eheleute vorstellen könnten miteinander zu leben, dann würde das Hochzeitsfest ausgerichtet werden. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie viele Ehen tatsächlich aus Liebe erfolgen oder nur arrangiert werden. In jedem Fall muss man, um als potentieller Kandidat in Frage zu kommen ein tadelloses Leben führen. Dies sei unbedingte Voraussetzung, um eine „gute Partie“ zu machen, wie ich von einem Schulungsteilnehmer erfahre. Indische Männer und Frauen die gerne trinken fallen umgehend durch das strenge Auswahlverfahren.

 

Die Teilnehmer der Schulung gehen freitags gerne auswärts Essen und so komme ich heute in den Genuss, mit der illustren Gruppe ein Mittagessen in einem guten vegetarischen Restaurant einzunehmen. Ich habe mich schon auf die Fahrt mit einem Scooter gefreut, um einmal den Wahnsinn der Strasse am eigenen Leib zu erfahren, ohne schützende Karosserie um mich herum. Dann kommt leider die Entwarnung und wir fahren doch alle mit einem Auto zu dem kulinarischen Tempel in der Stadt. Dabei hatte ich mich schon so auf ein Erlebnis der besonderen Art gefreut.

Die Suppe schmeckt ausgezeichnet, aber sie ist sehr scharf. Dies würde für einen durchschnittlichen Europäer bedeuten, dass er auf der Stelle Feuer speien könnte. Das Training von einer Woche hat sich jedoch ausgezahlt und ich löffele sie fast bis auf den letzen Rest aus. Eigentlich bin ich schon satt, aber da kommen gerade die Starters. Jeder bekommt von den verschiedenen Häppchen etwas auf den Teller und dann als ich eigentlich bereits vor dem Platzen bin kommt erst das Hauptgericht. Linsen, Rotis und diverse Curries werden serviert. Wie soll ich da noch ein Training abhalten können? Mir ist nur mehr nach Liegen.

 

Wir unterhalten uns sehr angeregt am Tisch. Es gibt viele Fragen welche die Unterschiede von Österreich und Indien betreffen. Drei Kollegen aus der neuen indischen Einheit sollen für einen längeren Zeitraum nach Wien kommen. Mit leuchtenden Augen verfolgen sie meine Ausführungen und stellen Frage um Frage. Ich freue mich darauf, dass sie die Möglichkeit bekommen haben, so weit weg zu reisen. Für die meisten Inder ist dies reines Wunschdenken. Sie könnten sich so eine Reise niemals leisten. Ein guter Durchschnittsverdienst beträgt keine 400 Euro im Monat.

 

Der Blick auf die Uhr verrät uns, dass wir bereits ein halbe Stunde überzogen haben, aber ein gutes Essen muss mit Paan abgeschlossen werden. Bei Paan handelt es sich um Betelnuss-Blatt das mit einer Areca-Nuss und anderen Gewürzen gefüllt und dann zu einer kleinen Tasche gefaltet wird. Diese wird dann mit einem Zahnstocher fixiert, darüber kommt aromatischer Sirup und Kokos-Streusel. Die Tasche kommt sogleich in den Mund und wird langsam gekaut. Dabei entstehen kleine Geschmacks-Feuerwerke. Angeblich gibt es viele Leute in Indien die ohne so ein Stück im Mund keinen Schritt machen würden, so sehr sind sie süchtig darauf. Dies hängt vielleicht auch mit einer schwachen psychoaktiven Wirkung zusammen, von der ich jedoch nichts merke.

 

Jetzt nach der ersten Woche Schulung merke ich wie gut ich mich mit den Leuten hier verstehe. Es ist gegenseitiges Wohlwollen das die Zusammenarbeit so angenehm macht. Obwohl ich in einem so grundlegend verschiedenen Land zu Gast bin, spüre ich auch eine große Gemeinsamkeit. Im Grunde sind wir alle Menschen und dies ist die vielleicht beste Botschaft, die ich wieder nach Hause mitnehmen werde.

Heute gibt es wieder ein Fest vorm dem Hotel, aber noch ist der Platz vor meinen Füßen leer und wartet auf seine bunten und glitzernden Gäste.

 

 

 

 

 

Masala Dosa

Masala Dosa ist eine kleine Welt für sich. Heute esse ich nach der Arbeit im Zentrum der Altstadt ein meisterlich zubereitetes Dosa. Eine goldbraune Rolle, etwa vierzig Zentimer lang beinhaltet genug Raum, um eine würzige Kartolffelmasse und geräumig Luft nach oben und zu den Seiten aufzunehmen. Der rohe Teig aus eingeweichten Reiskörnern und weißem Urid Dal wird zu einer sämigen Masse zermalen, um dann auf einer heißen rechteckigen Stahl-Platte zu einem Kreis von ca. 40 cm Durchmesser verstrichen zu werden. Nach kurzer Zeit ist die Unterseite der Dosa goldbraun gebraten, dann wird die Kartoffelmasse in der Mitte positioniert und die nun knusprig gebratene Scheibe großzügig zusammen gerollt. Dem Gast wird dieser köstliche südindische Snack mit einer kleine Schale Sambar Sauce und Coconut-Chutney serviert.

Ich sitze in der ersten Reihe der Restaurants und blicke durch den offenen Balkon auf das bunte Treiben eines der belebtesten Plätze von Pune. Da sich in unmittelbarer Nähe ein berühmter Ganesha Tempel befindet, werden an jeder Ecke Blumengirlanden angeboten und im Hinterhof geknüpft. Schön sind sie alle. Auch verströmt dieser Teil der Altstadt einen Duft von Räucherwerk, mal riecht es nach Weihrauch, dann wieder nach Rose oder Sandelholz. In der Dunkelheit scheinen die hell erleuchteten Läden scheinbar zu glühen. Wer sich keinen Laden leisten kann, sitzt mit seinen Waren in der Reihe davor auf dem Boden, genauer gesagt auf der Kante zwischen Gehsteig und Strasse, was für den Passanten bedeutet, dass er sich andauernd auf wechselnde Gegebenheiten im Gehsteig-Bereich einstellen muss.

In Indien wird der Gehsteig automatisch zu einem Mehrzweckstreifen umfunktioniert. Er muss für alles herhalten, was einem so in den Sinn kommt. Mal ist er Parkplatz für die vielen Mopeds, dann ein Schlafplatz, ein Ort auf den überall gespuckt oder auch mal uriniert wird, dann wieder eine verlängerte Werkstätte oder eben ein Geschäftslokal. Jeder Zentimeter wird genützt. Dort wo niemand den verfügbaren Platz besetzt, liegt meist ein großer Erdhaufen am Boden oder es befindet sich ein Loch, ein Baum oder ein Gerätekasten an dieser Stelle. In jedem Fall empfiehlt es sich mit sehr wachem Blick unterwegs zu sein, da man sich ernsthaft verletzen kann, wenn man nicht gut genug aufgepasst hat.

Noch einmal besuche ich den schönen Innenhof mit dem Rama Tempel und treibe mich in den netten kleinen Souvenirläden herum, die religiöses Inventar feil bieten. Wirklich schön ist es hier!

Gut, dass ich rasch einen Tuk-Tuk Fahrer finde, der bereit ist mich in einen fernen Stadtteil zu führen. Für 150 Rupien fährt er mich auf extremen Schleichwegen durch die Stadt. Ich traue meinen Augen nicht, als wir uns umgehend in einem großen indischen Rotlicht-Viertel wieder finden. Hier stehen die Frauen dicht gedrängt aneinander in ihren Saris und sehen gar nicht wie Prostituierte aus. Aber dennoch hat es hier diese spezielle Atmosphäre. Zu schnell geht alles, als dass ich genauer hinsehen könnte. Später recherchiere ich dann im Hotel, dass es in Indien eine riesige Sex-Industrie gibt. In Mumbai und auch Pune arbeiten zehntausende Frauen in diesem Gewerbe. Meist werden sie von Frauen dafür angeworben oder zwangs-prostituiert. Dies ist ein dunkles Thema in dem bunten Land. In Mumbai so nimmt man an, ist jede zweite Sexarbeiterin mit dem HIV-Virus infiziert.

Damit es mir nicht zu ruhig wird bei der Fahrt, dreht der Tuk-Tuk Fahrer noch seine Musikanlage auf und ich werde in Disco-Lautstärke von hinten mit indischer Dance-Music beschallt. Es ist ohrenbetäubend laut und die blauen LED-Ketten vermitteln ein wenig Dance-Floor Atmosphäre. Bei der Fahrt über die vielen Strassen-Schwellen wird die Musik wegen eines Wackelkontakts mehrmals unterbrochen, um dann wieder in voller Lautstärke zu ertönen. Meine ganz private Party bereitet mir viel Spaß und Freude.

 

Koregaon Park

Bei einem nächtlichen Spaziergang durch die breiten Straßen des Koregaon-Parks fallen dem aufmerksamen Beobachter zwei Dinge ins Auge. Zu beiden Seiten des Strassen befinden sich wunderbare, beinahe mystisch anmutende Banyan Bäume, welche bei Tage ein Paradies im Schatten der Sonne erzeugen. Dann folgen die meist Meter hohen Mauern, welche vereinzelt durch breite Einfahrten unterbrochen werden. Dort steht meist ein Wachposten in Uniform. Vereinzelt bekommt man Einblicke in die verborgenen Grundstücke mit ihren alten Villen aus der Kolonialzeit oder Teils aus der Moderne.

Nur sehr reiche Menschen leben hier, unter anderem erklärt mir Peter wissend, dass die FamilieYogi, vor deren Anwesen wir nun stehen, die Hälfte der Allianz-Aktien in Indien hält. Schade, dass sie uns nicht einladen, zu gerne hätte ich einen Eindruck von der Lebensweise der ultra reichen Leute in Indien bekommen. Hier könnte ich mir auch vorstellen zu leben, abseits des üblichen Straßenlärms. Nur vom Staub der Stadt bleiben die feinen Damen und Herren nicht verschont. Der Dreck lässt sich auch auf den feinsten Villen und deren Gärten nieder, wie man an jedem Blatt der Sträucher und Bäume ablesen kann.

Osho, alias Bhagwan hat hier auch gewohnt. Nun kann man im Pilger-Zentrum nächtigen, da es für Touristen zugänglich gemacht wurde. Die einzige Voraussetzung dafür ist ein negativer HIV Test. Angeblich kann man dort gegen teure Rupien die verrücktesten Menschen aus aller Welt kennen lernen, in roten Gewändern rituelle Tänze durchführen und nachdem Guru sich vor allem als Sex- Guru einen Namen machte, vielleicht noch einige Dinge mehr.

Da es bereits Abend ist besuche ich noch mein vegetarisches Lieblings-Restaurant und gönne mir diesmal zwei Hauptspeisen. Um nicht einmal 2 Euro für Speis und Trank werde ich so satt, dass ich nur mehr träge in das Hotel zurückgehen kann. Heute gibt es keine Party, aber von der Terrasse des Hotels kann ich beobachten, wie bereits das nächste Fest vorbereitet wird.

Hochzeit um Mitternacht

In mein Hotelzimmer dringt lauter Lärm, Getöse aus Tröten und wilden Trommeln. Eine Hochzeit wird auf dem Festgelände vor dem Hotel ausgerichtet. Ungewöhlich ist der Zeitpunkt. Jetzt um 22:00 wird der Bräutigam von einer Heerschar Männer auf Händen durch einen transparenten Tunnel aus Stoff Richtung Braut getragen. Der Lärm ist so unermesslich, dass ich mir die Ohren zuhalten muss. Frauen in den schönsten Saris laufen an mir vorüber, während der Bräutigam mit Geldscheinen beregnet wird. Es ist ein riesiges Fest. Ich schätze die Anzahl der Gäste auf um die Tausend. Indische Hochzeiten dauern traditionell drei Tage lang. Ich frage mich, ob die frisch vermählten Eheleute da noch Energie und Zeit finden werden, um sich abseits der Menge näher kommen zu können.

Was für ein Land der Gegensätze. Am anderen Ufer des nahen Flusses breitet sich eine Slum-Siedlung aus, die sogar für indische Verhältnisse unglaublich einfach ausfällt. Im Umkreis von 500 Metern findest du die ganze Schönheit und die ganze Katastrophe nahe beieinander liegen, so als wäre es das sSlbstverständlichste von der Welt so zu leben, sowohl für die Einen als auch die Anderen. Karma nennt man das in Indien. Bei uns würde man das als reinen Zynismus und gesellschaftliche Ignoranz bezeichnen.

Ich muss mich wiederholen, aber seit ich in Indien bin, habe ich jeden Tag ein Fest erlebt.

Kharadi Knowledge Park

Zum Frühstück beiße ich herzhaft in eine vermeintliche Kirschtomate und bin sogleich unwiderruflich wach. Die Chili hat in meinem Mund einen Brand gelegt, der sich nur mit viel Wasser löschen lässt. Heute bin ich müde, spüre noch immer den Jetlag der von Tag zu Tag weniger wird.

Das Taxi wartet verlässlich um acht Uhr vor der Türe und Peter und ich steigen beide im Anzug in einen schicken Tata-SUV, der uns unerwartet schnell zum Kharadi Knowledge Park bringt. Auf Google Maps sah der Park noch unwirklich aus, jetzt steht er vor mir und zeigt sich in prächtiger moderner Architektur. Die tropischen Pflanzen spiegeln sich in den großzügigen Glasflächen, welche die asymmetrischen Gebäudeteile begrenzen. Wir befinden uns in einem von vier großen Tech-Parks von Pune. Hier lassen Firmen wie Honeywell, Symantec und Vodafone ihre Software entwickeln. Gegen neun Uhr ist es noch ruhig hier, da die Arbeitszeiten fast aller Mitarbeiter von zehn bis sechs Uhr am Abend gehen.

Als wir das Allianz Büro im siebten Stock unter dem Dach betreten herrscht eine große Leere und Stille. Außer dem Wachmann und uns scheint noch niemand da zu sein. Das große Allianz-Logo hinter dem Empfang strömt Vertrautheit aus und vermittelt mir eine beinahe familiäre Atmosphäre. Dann betreten wir das Büro. Man stelle sich einen riesigen Raum vor, der ungefähr 250 Arbeitsplätze bietet. Die Tische in weiß, schwarzer Stuhl und eine Trennwand zum Nachbartisch. Bis auf ein paar vereinzelte Arbeitsplätze ist hier alles leer. Ulrich Seidl würde hier begeistert ein  langes Stillleben in Breitwand aufnehmen. Es duftet nach Weichmachern, alles ist neu eingerichtet. Am Ende des Raumes wischt jemand einen Tisch nach dem anderen mit einem Tuch ab. Mein erster Gedanke war Dankbarkeit, dass ich hier nicht arbeiten muss. Wenn der ganze Raum mit Menschen erfüllt ist, dann könnte es hier sehr sehr dicht werden. Die Inder sind einiges an dichtem Beisammensein gewöhnt und auch das Arbeitsinspektorat legt wahrscheinlich weniger strenge Vorlagen auf. Der Leiter der Einheit kommt uns entgegen und führt uns in ein großes modernes Besprechungszimmer. Dort packen wir unsere Gerätschaft aus und bereiten uns auf das Training vor. Ein Butler bringt uns Kaffee, der mit weißen Handschuhen überreicht wird. So ein nobles Service war mir bis heute unbekannt. In solchen Momenten geht es mir nicht gut, da ich den Eindruck vermittelt bekomme, als wäre ich eine höher gestellte Person.

 

Die Schulung selbst läuft in einer sehr amikalen Atmosphäre ab. Die Teilnehmer sind freundlich, offen und gebildet. Im Gegensatz zu Kollegen aus der Heimat stellen sie viele Fragen und sind wirklich wissbegierig, probieren viele Dinge unmittelbar aus. Das gefällt mir und motiviert mich auch als Vortragender.

Sonntagsidylle im Empress Garden

Was macht man an einem langen Sonntag Nachmittag in Pune? Zuerst einmal recherchieren. Eigentlich möchte ich mir gerne einen Tempel ansehen, aber die Reisezeit beträgt gut anderthalb Stunden in eine Richtung. Ich beschließe den botanischen Garten zu besuchen. Der ist ein paar Kilometer vom Hotel entfernt und ich erwarte mir eine subtropische Idylle, wenngleich ich nicht vergesse, dass ich mich in Indien befinde. Hier sind Traum und Wirklichkeit, Schönheit und Scheußlichkeit wie ein gefesseltes Paar miteinander verbunden.

Das Tuk-Tuk ist mein Verkehrsmittel erster Wahl. Ich freue mich schon auf die wilde Fahrt durch die Strassen zu meinem Ziel. Der Fahrer erklärt mir, dass er ohne Taxameter für 200 Rupien dort hin fahre: Ich möchte handeln, da der Preis massiv überteuert ist, aber habe keine Lust darauf. Ich wittere die Schlitzohrigkeit, aber möchte ihm den kleinen Erfolg gönnen, einen Touristen übers Ohr gehauen zu haben. Als wir am Parkeingang ankommen wird mein Gefühl bestätigt. Es ist kein einsamer Ort, der einem Taxi keine Gelegenheit bietet, eine Retour-Fahrt zu bekommen. Im Gegenteil! Es handelt sich um einen beliebten Treffpunkt für Familien mit Kindern. Beliebte Treffpunkte sind in Indien für europäische Verhältnisse massiv überlaufen. Ich genieße das bunte Treiben von spielenden Kindern und Eltern die sich auf Decken unter riesigen Bäumen vor der Sonne schützen. Ruhe finde ich hier keine. Dafür kann ich die vielen jungen Paare beobachten, wie sie hier ein paar Momente ungestört für sich sein können. Trotz der vielen Leute hat es eine friedliche Atmosphäre.Das Sonnenlicht bricht sich fahl im Laub der Bäume, die hier wie Riesen in der Landschaft stehen, überdimensionale Kronen ausbilden. Ich muss an das Mogli- Buch aus meiner Kindheit denken. Ja so hat es hier wohl früher überall ausgesehen, als der Wald noch einen Großteil des Subkontinents bedeckte.

Nach einem Rundgang durch den Park setze ich mich nieder und es dauert keine Minute, da kommen bereits ein paar Jugendliche auf mich zu. Fragen mich wie ich heiße, was ich beruflich mache, die übliche Kontaktaufnahme. Eigentlich kommen sie nur, damit sie mit mir auf einem Foto abgebildet sein können. Dies geht Blitzschnell. So um die sieben Burschen setzen sich neben und vor mich. Links und rechts bekomme ich Arme über die Schultern gelegt und dann werden mit dem Handy Fotos gemacht. Die Kinder haben ihre Freude und ich freue mich auch, da ich mit so einfachen Mitteln die jungen Leute beschenkt habe. So ist Indien. Früher hätte mich so eine Situation wahrscheinlich gestresst, da ich dahinter eine andere Absicht vermutet hätte. Heute lasse ich mich von Moment zu Moment treiben. Es fühlt sich gut und richtig an.

Ich schlendere weiter und finde einen ruhigen Platz am Ende des Parks. Hier kann ich für kurze Zeit alleine sein, die Frauen in ihren bunten Saris dabei beobachten, wie sie die Blumen pflegen, Körbe voll Erde auf ihren Köpfen balancieren. Heute ist Sonntag, aber für diese Frauen gibt es wahrscheinlich keinen freien Tag.

 

Ich stärke mich mit einem kleinen sehr scharfen Snack an der kleinen Einkehr. Dreckig ist es hier, sehr dreckig, aber ich finde die Patina schön. Wenn ich das was ich sehe nicht sofort kritisiere, dann hat auch so ein Ort seinen Charme. Die Menschen um mich herum nuckeln an ihrem Cola und speisen mit ihren Kindern. Eine indische Sonntags- Großstadt- Idylle.

Bevor ich den Park verlasse, schaue ich noch mit Begeisterung den Kindern zu, wie sie sich mit ihrem ganzen Gewand in das riesige mit Wasser gefüllte Fontänen-Becken werfen. Hier stehen die Eltern und sehen ihnen dabei zu, als wäre der Anblick das Selbstverständlichste auf der Welt. In Österreich würde man so eine Szene nie beobachten können. Zu sehr würden hier zornige und verächtliche Blicke von Passanten so eine Möglichkeit im Keim ersticken. Dafür ist alles ordentlich und aufgeräumt.

 

Zurück im Hotel treffe ich Peter, der heute morgen mit dem Flugzeug aus München ankam. Wir gehen gemeinsam Essen und besprechen uns für den morgigen Tag. Auf der Terrasse des Hotels lausche ich noch einem indischen Drummer bei seiner Indie-Drum&Bass Live-Performance. Seit dem ich in Indien bin, hatte ich jeden Tag eine Party.

 

Nightlife in Pune

Samstag Abend in Pune möchte ich nicht alleine verbringen. Die Recherche beginnt mit der Suche im Internet. Beim Blick aus meinem Fenster im elften Stock des Hotels bemerke ich buntes, sich veränderndes Licht. Dann höre ich auch schon die tiefen Bässe, übertönt von Hundegebell und Huperei. Wie sich bald herausstellen wird, befinde ich mich in einer der hippesten Gegenden von Pune. Hier feieren die Reichen und Möchtegerns ihre Parties in schicken Bars von neu errichteten Gebäuden. Auf der Launch- Terrasse meines Hotels, dem Westin frage ich einen Barkeeper nach einem guten Lokal in der Nähe, wo man auch tanzen könne. Er empfiehlt mir den Nachtclub des Hotels. Dieser sei im Moment der beste Platz in Pune, wenn man einen tollen Abend verbringen möchte.

Nach einem guten Abendessen in einem hervorragenden vegetarischen Restaurant gehe ich noch einmal auf die Terrasse, um den letzten Teil eines Konzerts eines bekannten indischen Drummers zu verfolgen. Direkt von der Hotelterrasse blicke ich auf die Menge von elitären Gästen und auf eine moderne Bühne mit drei Leinwänden, Live-Kamera und moderner Licht- und Tontechnik. Die Gegensätze inmitten einer Stadt könnten nicht grösser sein.

 

Wer sich den Nachtclub leisten kann, muss gut verdienen. Zuvor zahlte ich noch 120 Rupien für ein wunderbares Abendessen, jetzt muss ich Getränke-Bons im Wert von 1000 Rupien kaufen. Ein kleines Bier Kingfisher kostet 350 Rupien.

Auffallend viele junge Leute. Anfangs habe ich das Gefühl auf einer Teenie-Party zu sein. Die Damen tragen keine Saris, sondern sehr knappe Röcke die sich bei uns nur die schlankesten Frauen leisten können. Dazu Stilettos. Die Herren auffallend einfach gekleidet. Meist nur Jean und Hemd. Dies passt mir gut, denn diese Mode habe ich auch im Koffer.

Langsam füllt sich das Lokal, vereinzelt kommen jetzt auch Menschen aus Europa. Erst als mich ein Spanier, der in Berlin lebt anredet, bricht das Eis und ich lerne innerhalb von zwei Stunden gut ein Dutzend Leute aus Deutschland, Österreich und Italien kennen. Alle sind sie aus dem selben Grund hier. Sie schauen nach dem Rechten, bringen Dinge in Ordnung und freuen sich wieder auf Zuhause.

Die Befürchtung, dass Indien uns in Europa Arbeitsplätze wegnehmen könnte verflüchtigt sich innerhalb dieses Abends. Zu groß sind die Kulturunterschiede und Sozialisierungen zwischen Mitteleuropa und Indien. Das Chaos, welches man nicht übersehen kann, findet auch in Unternehmen seine Fortsetzung. Alle beklagen sich über ein fehlendes Bewusstsein für Ordnung und Qualität. Wenn man nicht permanent nachkontrollieren würde, dann würden die Dinge schnell aus dem Ruder laufen.

Ein Italiener der ein Ferrero Werk leitet lebt schon seit zwei Jahren in Pune. Er freut sich schon sehr auf die Zeit nach seinem Einsatz.

Ein Pole, der die technische Projektleitung in einem VW Werk ausübt, kommt heuer bereits zum fünften mal her, immer um etwas wieder in Ordnung zu bringen. Er hat es schon satt. In Deutschland und sogar in Russland könne man auf dem Boden eines Werkes Essen, so sauber sei es dort. Hier sagt er, verdreckt alles. Ein anderer Deutscher, der Maschinen für den Straßenbau herstellt, bestätigt, dass es nirgends so dreckig ist wie in Indien.

Jetzt weiß ich auch wie viel ein gut ausgebildeter Inder in Pune verdient. Zwischen 30000-40000 Rupien. Gerade mal 400 Euro.

Um halb zwei in der Nacht verlasse ich den nun schon extrem dröhnenden Club, der nach allen Seiten hin ins Freie geöffnet ist. Zuerst dachte ich, dass dies riesige Glasscheiben wären, durch die ich da blicken würde. Nein, alles offen, mit Blick auf eine tolle Architektur aus Glas, Beton und Licht.

Bevor ich schlafen gehe, werde ich noch am Hoteleingang kontrolliert, immer das selbe Prozedere. Dann noch ein kleiner Stromausfall und ein in den Schlaf gleiten, mit Hundegebell und Disco Dröhnen. Aber ich bin schon zu müde, mag nur mehr schlafen.