Hochzeit um Mitternacht

In mein Hotelzimmer dringt lauter Lärm, Getöse aus Tröten und wilden Trommeln. Eine Hochzeit wird auf dem Festgelände vor dem Hotel ausgerichtet. Ungewöhlich ist der Zeitpunkt. Jetzt um 22:00 wird der Bräutigam von einer Heerschar Männer auf Händen durch einen transparenten Tunnel aus Stoff Richtung Braut getragen. Der Lärm ist so unermesslich, dass ich mir die Ohren zuhalten muss. Frauen in den schönsten Saris laufen an mir vorüber, während der Bräutigam mit Geldscheinen beregnet wird. Es ist ein riesiges Fest. Ich schätze die Anzahl der Gäste auf um die Tausend. Indische Hochzeiten dauern traditionell drei Tage lang. Ich frage mich, ob die frisch vermählten Eheleute da noch Energie und Zeit finden werden, um sich abseits der Menge näher kommen zu können.

Was für ein Land der Gegensätze. Am anderen Ufer des nahen Flusses breitet sich eine Slum-Siedlung aus, die sogar für indische Verhältnisse unglaublich einfach ausfällt. Im Umkreis von 500 Metern findest du die ganze Schönheit und die ganze Katastrophe nahe beieinander liegen, so als wäre es das sSlbstverständlichste von der Welt so zu leben, sowohl für die Einen als auch die Anderen. Karma nennt man das in Indien. Bei uns würde man das als reinen Zynismus und gesellschaftliche Ignoranz bezeichnen.

Ich muss mich wiederholen, aber seit ich in Indien bin, habe ich jeden Tag ein Fest erlebt.