Kurkuma Blessings

Der freundliche Chauffeur wartet pünktlich um zehn Uhr auf mich und meinen Arbeitskollegen Peter. Wie jeden Tag kann ich auch heute keine einzige Wolke am Himmel entdecken und deshalb habe ich außer einer Wasserflasche, der Kamera und einer kleinen Tasche nichts dabei. Jetzt am Morgen ist es noch angenehm kühl, so um die zwanzig Grad wird es im Schatten haben. Um diese Tageszeit befindet sich Pune noch im Dunst. Heute sehe ich das erste Mal die kleinen grünen Papageien durch die Luft fliegen, die sich ansonsten in den Baumkronen der großen Bäume hier verstecken und bei Dunkelheit zu Hunderten ein grandioses Zwitschern von sich geben.

Gut dass ich tags zuvor meine Suche auf Sehenswürdigkeiten außerhalb Punes ausgeweitet hatte, denn in nur 50km Entfernung befindet sich der berühmte Khandoba Tempel in der Stadt Jejuri. Die Reise dorthin führt uns durch die endlose Stadt und ihren dichten Samstag Vormittags Verkehr an vielen Feldern vorbei, auf welchen Zuckerrohr, Reis, Tomaten und Mais angebaut werden. Die graue Stadt weicht dem weiten Grün des Hinterlandes.

Noch kommen uns nur vereinzelt Männer in weiß entgegen, eine Fahne mit einer orangen Flagge in der linken Hand tragend, denn es sollten noch viele mehr werden, ja Gruppen von mehreren hundert Leuten, die sich zu Fuß auf dem Weg zurück von ihrer Pilgerreise in die Stadt befinden. Meist sind es alte Männer, und ihre Habseligkeiten tragen sie in ein Tuch gewickelt auf dem Kopf, während sie mit ihren einfachen Slippers schnellen Schrittes entlang der Strasse ihr Ziel, nach Hause zu kommen, vor Augen haben.

Der Tempel Khandoba liegt auf einem Hügel und ist nur zu Fuß erreichbar. Vor dem Aufgang zum Tempel breiten sich links und rechts der schmalen Strasse kleine Läden dicht aneinander gedrängt aus. Wer den gelben Staub noch nicht mitgebracht hat, kann sich hier noch damit eindecken. Zu Ehren des Gottes Khandoba werden Unmengen von Kurkuma oder Gelbwurz in und um den Tempel herum geopfert. Am Eingangstor zu den Treppen liegt eine heilige Kuh aus Stein am Boden und wartet darauf mit dem gelben Puder überschüttet zu werden. Da und dort sehe ich einen Ganesha und einen Shiva, alle sind sind sie gelb und orange gefärbt. Entlang des steilen Weges nach oben, der über breite alte Steinstufen führt, kann man sich in Trance trommeln lassen, das fehlende Kurkuma und religiöse Devotionalien kaufen oder einem Bettler, einem Kind ohne Beine, einer Frau ohne Arme ein Paar Rupien geben.

Im Innenhof der Tempelanlage angelangt, bereue ich keinen Moment die Fahrt hierher an diesen Ort. Wie in jedem Tempel muss man auch hier zuvor seine Schuhe ausziehen. Bereits nach ein paar Schritten sind meine Fußsohlen vom Staub auf dem Steinboden gelb gefärbt und noch sind meine Hose und T-Shirt weiß geblieben. Die prächtige alte Anlage wird von einem umlaufenden Arkadengang gesäumt, der einen fantastischen Rundum-Blick in die Umgebung bietet. Hier sitzen Menschen und unterhalten sich andächtig oder versuchen mit mir in Kontakt zu kommen.

Ein freundlicher Inder mit einer gelben Stirn und zwei gelben Handabdrücken auf seinem blauen Hemd fragt mich woher ich komme und wie es mir hier gefalle. Wie immer habe ich nur die besten Worte für sein Land bereit und so dauert es auch nicht lange, dass er mich fragt, ob ich mich dazu bereit erklären würde, für ein Foto mit seiner Familie zur Verfügung zu stehen. Gerne stelle ich mich in die Mitte und lasse mich fotografieren, so als wäre ich der erste Mensch mit weißer Hautfarbe, der hier gewesen wäre. Für mich ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen zu fragen, ob ich sie gleichfalls fotografieren dürfe. Diese Bilder darf ich dann ganz nahe machen, so als wäre ich ein guter Freund und nicht ein Tourist der sich auf Jagd nach Intimität durch die Linse befindet.

Gut, dass ich noch von dem Vater erfahre, dass ich mich für fünfzig Rupien in die Fast-Lane einreihen dürfe. Anstatt gut zwei bis drei Stunden zu warten, befinde ich mich bereits nach drei Minuten im Innern des Heiligtums. Dies sind die ganz besonderen Momente die einem im Leben widerfahren und ich bin sehr dankbar dafür, einen solchen miterleben zu dürfen. In dem kleinen und stickigen Raum können gerade einmal fünf bis zehn Leute ganz dicht an das Heiligtum, den Gott Khandoba, herantreten. Nicht die prächtige Gottheit an der Wand, nein der kleine schwarze Stein ist der Gott der im Zentrum der Verehrung steht. Man weist mich an, die Hände auf das kleine Brett vor dem Stein zu legen und dann bekomme ich auch schon von einer warmen, breiten Handfläche eine Ladung Gelbwurz auf meine Stirn gedrückt. Mehr als eine halbe Minute darf man hier nicht verweilen und so kann ich gerade für ein paar Augenblicke die intensive Stimmung in mich aufnehmen, einen Blick auf die tief konzentrierten Pilger werfen, die hier vor ihrem wichtigsten Gott anmutigst die Hände falten.

Auf dem Weg hinunter zurück in das Dorf werde ich von dem Gruß einer Frau mit auffallend roten Lippen und in einen weißen Sari gekleidet, irritiert. Ich erinnere mich der Eunuchen von Bombay, der Hijras. Vor einer Woche hatte ich noch im Internet davon gelesen, jetzt schauen mich zwei Augen an und ich weiß nicht so recht, wie ich auf den Gruß reagieren sollte. Meine Haltung ist wage, unentschlossen und so erwidere ich den Gruß leicht halbherzig. Die Hijras werden in Indien auch als drittes Geschlecht bezeichnet. Gut ein Drittel von ihnen ist tatsächlich kastriert. Sie verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Tanzen und Segnungen auf Hochzeiten, bei Hauseinweihungen und nach der Geburt von Söhnen. Meist leben sie unter der Obhut eines Gurus oder sie arbeiten als Prostituierte.

Auf der langen Fahrt zurück nach Pune sehe ich einen Jungen in einer Stadt reglos am staubigen Boden liegen. Ein Auto fährt in geringstem Abstand an ihm vorbei. Ein Hund mit lahmen Beinen quert die Straße.

Es sind die harten Kontraste welche dieses Land so atemberaubend schön und hässlich zugleich machen.

Und wieder feiert eine Firma ein gewaltiges Incentive vor dem Hotel, mit indischen Techno-Beats, Lichtshow und Live-Projektion auf Screens zu beiden Seiten der großen Bühne.