Tauben unter dem Dach

Noch immer finde ich das Gurren der Trauben direkt unterhalb meines Kopfes befremdlich. Eine undichte Stelle im Dach muss es den Vögeln ermöglicht haben, vorbei am Wachpersonal, Zugang zum Office eines weltweit operierenden Unternehmens zu bekommen. In meiner Phantasie entferne ich eine Platte der abgehängten Decke und blicke mitten in ein Nest mit kleinen Tauben. Niemand der Anwesenden Teilnehmer scheint sich an der Tatsache zu stoßen und so beschließe ich diesen Umstand nicht anzusprechen. Was würde passieren, wenn noch andere Tiere auf die Idee kämen sich hier ein Zuhause zu errichten? Dieser Gedanke führt mich zu weit weg und ich wende mich wieder meinen Aufgaben zu.

Während ich diese Zeilen auf der Terrasse des Hotels schreibe werde ich von dichten Nebelschwaden eines beißenden und stinkenden Mittels gestört. Zur Vorbereitung der Hochzeit heute Abend wird das gesamte Gelände um das Hotel herum mit einem Insektizid von Moskitos befreit. Ich komme mit dem Barkeeper ins Gespräch und nutze die Gelegenheit, um mich über die Feierlichkeit zu erkundigen.

Eine Hochzeit dieser Größe kostet der Familie der Braut ca. eine Million Rupien, das wären so um die 30 Monatsgehälter eines gut verdienenden Angestellten. Eine gewaltige Summe für den größten Teil der Bevölkerung. Die Hochzeit wäre wahrscheinlich arrangiert, dies sei in solchen reichen Kreisen immer der Fall, sagt er. Vielleicht kennen sich Braut und Bräutigam erst seit ein paar Wochen, bestenfalls Monaten. Erst wenn zwischen den Familien alles klappe und sich die Eheleute vorstellen könnten miteinander zu leben, dann würde das Hochzeitsfest ausgerichtet werden. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie viele Ehen tatsächlich aus Liebe erfolgen oder nur arrangiert werden. In jedem Fall muss man, um als potentieller Kandidat in Frage zu kommen ein tadelloses Leben führen. Dies sei unbedingte Voraussetzung, um eine „gute Partie“ zu machen, wie ich von einem Schulungsteilnehmer erfahre. Indische Männer und Frauen die gerne trinken fallen umgehend durch das strenge Auswahlverfahren.

Die Teilnehmer der Schulung gehen freitags gerne auswärts Essen und so komme ich heute in den Genuss, mit der illustren Gruppe ein Mittagessen in einem guten vegetarischen Restaurant einzunehmen. Ich habe mich schon auf die Fahrt mit einem Scooter gefreut, um einmal den Wahnsinn der Strasse am eigenen Leib zu erfahren, ohne schützende Karosserie um mich herum. Dann kommt leider die Entwarnung und wir fahren doch alle mit einem Auto zu dem kulinarischen Tempel in der Stadt. Dabei hatte ich mich schon so auf ein Erlebnis der besonderen Art gefreut.

Die Suppe schmeckt ausgezeichnet, aber sie ist sehr scharf. Dies würde für einen durchschnittlichen Europäer bedeuten, dass er auf der Stelle Feuer speien könnte. Das Training von einer Woche hat sich jedoch ausgezahlt und ich löffele sie fast bis auf den letzen Rest aus. Eigentlich bin ich schon satt, aber da kommen gerade die Starters. Jeder bekommt von den verschiedenen Häppchen etwas auf den Teller und dann als ich eigentlich bereits vor dem Platzen bin kommt erst das Hauptgericht. Linsen, Rotis und diverse Curries werden serviert. Wie soll ich da noch ein Training abhalten können? Mir ist nur mehr nach Liegen.

Wir unterhalten uns sehr angeregt am Tisch. Es gibt viele Fragen welche die Unterschiede von Österreich und Indien betreffen. Drei Kollegen aus der neuen indischen Einheit sollen für einen längeren Zeitraum nach Wien kommen. Mit leuchtenden Augen verfolgen sie meine Ausführungen und stellen Frage um Frage. Ich freue mich darauf, dass sie die Möglichkeit bekommen haben, so weit weg zu reisen. Für die meisten Inder ist dies reines Wunschdenken. Sie könnten sich so eine Reise niemals leisten. Ein guter Durchschnittsverdienst beträgt keine 400 Euro im Monat.

Der Blick auf die Uhr verrät uns, dass wir bereits ein halbe Stunde überzogen haben, aber ein gutes Essen muss mit Paan abgeschlossen werden. Bei Paan handelt es sich um Betelnuss-Blatt das mit einer Areca-Nuss und anderen Gewürzen gefüllt und dann zu einer kleinen Tasche gefaltet wird. Diese wird dann mit einem Zahnstocher fixiert, darüber kommt aromatischer Sirup und Kokos-Streusel. Die Tasche kommt sogleich in den Mund und wird langsam gekaut. Dabei entstehen kleine Geschmacks-Feuerwerke. Angeblich gibt es viele Leute in Indien die ohne so ein Stück im Mund keinen Schritt machen würden, so sehr sind sie süchtig darauf. Dies hängt vielleicht auch mit einer schwachen psychoaktiven Wirkung zusammen, von der ich jedoch nichts merke.

Jetzt nach der ersten Woche Schulung merke ich wie gut ich mich mit den Leuten hier verstehe. Es ist gegenseitiges Wohlwollen das die Zusammenarbeit so angenehm macht. Obwohl ich in einem so grundlegend verschiedenen Land zu Gast bin, spüre ich auch eine große Gemeinsamkeit. Im Grunde sind wir alle Menschen und dies ist die vielleicht beste Botschaft, die ich wieder nach Hause mitnehmen werde.

Heute gibt es wieder ein Fest vorm dem Hotel, aber noch ist der Platz vor meinen Füßen leer und wartet auf seine bunten und glitzernden Gäste.