Sonntagsidylle im Empress Garden

Was macht man an einem langen Sonntag Nachmittag in Pune? Zuerst einmal recherchieren. Eigentlich möchte ich mir gerne einen Tempel ansehen, aber die Reisezeit beträgt gut anderthalb Stunden in eine Richtung. Ich beschließe den botanischen Garten zu besuchen. Der ist ein paar Kilometer vom Hotel entfernt und ich erwarte mir eine subtropische Idylle, wenngleich ich nicht vergesse, dass ich mich in Indien befinde. Hier sind Traum und Wirklichkeit, Schönheit und Scheußlichkeit wie ein gefesseltes Paar miteinander verbunden.

Das Tuk-Tuk ist mein Verkehrsmittel erster Wahl. Ich freue mich schon auf die wilde Fahrt durch die Strassen zu meinem Ziel. Der Fahrer erklärt mir, dass er ohne Taxameter für 200 Rupien dort hin fahre: Ich möchte handeln, da der Preis massiv überteuert ist, aber habe keine Lust darauf. Ich wittere die Schlitzohrigkeit, aber möchte ihm den kleinen Erfolg gönnen, einen Touristen übers Ohr gehauen zu haben. Als wir am Parkeingang ankommen wird mein Gefühl bestätigt. Es ist kein einsamer Ort, der einem Taxi keine Gelegenheit bietet, eine Retour-Fahrt zu bekommen. Im Gegenteil! Es handelt sich um einen beliebten Treffpunkt für Familien mit Kindern. Beliebte Treffpunkte sind in Indien für europäische Verhältnisse massiv überlaufen. Ich genieße das bunte Treiben von spielenden Kindern und Eltern die sich auf Decken unter riesigen Bäumen vor der Sonne schützen. Ruhe finde ich hier keine. Dafür kann ich die vielen jungen Paare beobachten, wie sie hier ein paar Momente ungestört für sich sein können. Trotz der vielen Leute hat es eine friedliche Atmosphäre.Das Sonnenlicht bricht sich fahl im Laub der Bäume, die hier wie Riesen in der Landschaft stehen, überdimensionale Kronen ausbilden. Ich muss an das Mogli- Buch aus meiner Kindheit denken. Ja so hat es hier wohl früher überall ausgesehen, als der Wald noch einen Großteil des Subkontinents bedeckte.

Nach einem Rundgang durch den Park setze ich mich nieder und es dauert keine Minute, da kommen bereits ein paar Jugendliche auf mich zu. Fragen mich wie ich heiße, was ich beruflich mache, die übliche Kontaktaufnahme. Eigentlich kommen sie nur, damit sie mit mir auf einem Foto abgebildet sein können. Dies geht Blitzschnell. So um die sieben Burschen setzen sich neben und vor mich. Links und rechts bekomme ich Arme über die Schultern gelegt und dann werden mit dem Handy Fotos gemacht. Die Kinder haben ihre Freude und ich freue mich auch, da ich mit so einfachen Mitteln die jungen Leute beschenkt habe. So ist Indien. Früher hätte mich so eine Situation wahrscheinlich gestresst, da ich dahinter eine andere Absicht vermutet hätte. Heute lasse ich mich von Moment zu Moment treiben. Es fühlt sich gut und richtig an.

Ich schlendere weiter und finde einen ruhigen Platz am Ende des Parks. Hier kann ich für kurze Zeit alleine sein, die Frauen in ihren bunten Saris dabei beobachten, wie sie die Blumen pflegen, Körbe voll Erde auf ihren Köpfen balancieren. Heute ist Sonntag, aber für diese Frauen gibt es wahrscheinlich keinen freien Tag.

Ich stärke mich mit einem kleinen sehr scharfen Snack an der kleinen Einkehr. Dreckig ist es hier, sehr dreckig, aber ich finde die Patina schön. Wenn ich das was ich sehe nicht sofort kritisiere, dann hat auch so ein Ort seinen Charme. Die Menschen um mich herum nuckeln an ihrem Cola und speisen mit ihren Kindern. Eine indische Sonntags- Großstadt- Idylle.

Bevor ich den Park verlasse, schaue ich noch mit Begeisterung den Kindern zu, wie sie sich mit ihrem ganzen Gewand in das riesige mit Wasser gefüllte Fontänen-Becken werfen. Hier stehen die Eltern und sehen ihnen dabei zu, als wäre der Anblick das Selbstverständlichste auf der Welt. In Österreich würde man so eine Szene nie beobachten können. Zu sehr würden hier zornige und verächtliche Blicke von Passanten so eine Möglichkeit im Keim ersticken. Dafür ist alles ordentlich und aufgeräumt.

Zurück im Hotel treffe ich Peter, der heute morgen mit dem Flugzeug aus München ankam. Wir gehen gemeinsam Essen und besprechen uns für den morgigen Tag. Auf der Terrasse des Hotels lausche ich noch einem indischen Drummer bei seiner Indie-Drum&Bass Live-Performance. Seit dem ich in Indien bin, hatte ich jeden Tag eine Party.