Wenn die Ordnung verloren geht

In diesen besonderen Zeiten wird jeder Tag zu einer Übung in Geduld und Vertrauen

Dieser Beitrag ist am 27.03.2020 in der online Ausgabe von derStandard.at erschienen.

https://www.derstandard.at/story/2000116097407/wenn-die-ordnung-verloren-geht

Heute fuhr ich zum Flughafen, um meinen Sohn abzuholen. Auf Anraten des österreichischen Aussenministeriums sollte er so schnell wie möglich die Heimreise aus Thailand antreten. Es ist schon seltsam, an einem Sonntagmorgen, im offensichtlich einzigen Auto auf einer der meist befahrenen Straßen Wiens unterwegs zu sein. Ich hätte mich freuen können, alle Spuren für mich alleine zu haben. Und dennoch vermisste ich den vertrauten Fluss des Verkehrs, der mir ein Gefühl von Sicherheit und Normalität vermitteln würde.

Im freien Spiel der Assoziationen lande ich an einem Ort, den ich wegen seiner Ähnlichkeit zu genau dieser Gesamtwahrnehmung unter anderen Umständen nicht erinnert hätte.

Trügerische Wahrnehmung

Als junger Präsenzdiener verbrachte ich im späten Frühjahr 1986 sonderbare Wochen an der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei im Norden Niederösterreichs. Es war die Zeit kurz nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Damals so wie heute, wo ganz Europa im Bann der Covid-19-Pandemie steht, wurden die Grenzen streng kontrolliert. Wir jungen Soldaten im Wehrdienst wuschen, wie befohlen, den radioaktiven Staub von jenen Fahrzeugen, die der unsichtbaren Gefahr ausgesetzt waren. Das unverwechselbare Knackgeräusch des Geigerzählers übernahm die Funktion eines nicht vorhandenen Sinnesorgans und wurde über die Wochen zu einem vertrauten Begleiter.

An den entsetzten Gesichtern und dem leisen Schluchzen mancher Reisenden, wurde mir damals vor Augen geführt, dass es sich hier um einen realen Notfall handelt. Dennoch wähnte ich mich in einer trügerischen Sicherheit, da Körper und Geist den Ernst der Lage als solchen nicht wahrzunehmen vermochten. Eine leise innere Stimme wollte mir glaubhaft machen, dass alles nicht so schlimm wäre, obwohl mich der Geigerzähler wie ein Wachhund immer wieder vor der radioaktiven Gefahr warnte.

Es ist kein Zufall, dass ich mich mehr als dreißig Jahre später an diese Zeit zurückerinnere. Damals wie heute ist das unheilvolle Risiko mit reinem Spürsinn nicht zu erfassen. Die unsichtbaren Viren entziehen sich der Sinneswahrnehmung und der Organismus wähnt sich in trügerischer Sicherheit. Gäbe es nicht diesen Zweifel an der angespannten, atypischen Stille, die sich über das öffentliche Leben ausgebreitet hat. Was damals der Geigerzähler war, ist heute ein über die Jahre gewachsenes Bewusstsein in Bezug auf das Vorhandensein einer inneren und äußeren Ordnung. Diese scheint sich im Moment fundamental zu verschieben.

Ein Gefühl der Unwirklichkeit gegenüber der Umwelt macht sich breit. Die Straßen muten leblos an. Bin ich tatsächlich der einzige Fahrer weit und breit, der gerade den Schranken zum Abflugterminal des Flughafens passiert hat? Und wo sind all die Menschen an diesem sonst so rastlosen Ort der An- und Abreise geblieben? Nur die zahllosen, am Boden geparkten Flugzeuge, wirken wie stumme Zeugen einer fundamentalen Unbeständigkeit, die auch vor der internationalen Geschäftigkeit und Grenzenlosigkeit keinen Halt macht. Ich finde mich abermals in der bizarren Wirklichkeit einer Ausnahmesituation wieder, für die Wissenschaft, Medizin und Politik lediglich dem Verstand eine plausible Erklärung zu liefern scheinen.

Im Zustand der Ungewissheit

Wir alle werden gerade auf die Probe gestellt. In einer aus den Fugen geratenen Welt ist es nur allzu verständlich, wenn sich der Wunsch aufdrängt, dass es wieder so werden möge, wie vor diesem Ausnahmezustand. Somit wird in diesen besonderen Zeiten jeder Tag zu einer neuen Übung. Für jene von uns, die nicht an vorderster Front der Pandemie kämpfen, besteht sie aus der schlichten Aufforderung, innezuhalten, zu entspannen und zuzulassen. Wir sind eingeladen, unsere innere Ordnung auf die neuen Gegebenheiten abzustimmen. Dies erfordert Geduld und Vertrauen. Da niemand so genau weiß, wie lange dieser Zustand der Ungewissheit andauern wird, bleibt uns nur die Möglichkeit, von Moment zu Moment zu leben. Wir können Pläne für die Zukunft schmieden, jedoch gibt es keine Gewissheit, dass sie sich erfüllen werden.

Für viele ist der Alltag zur komplexen Aufgabenstellung geworden. Er fordert ein neues Maß an Rücksichtnahme auf andere Menschen und große Flexibilität im Umgang mit unvorhergesehenen Anforderungen. Die Umstände drängen uns förmlich dazu, nachdenklich zu werden, angesichts der unveränderlichen Gegebenheiten.

Auch unsere unmittelbaren menschlichen Beziehungen werden auf vielen Ebenen neu definiert. Wenn wir keinen Abstand halten, bringen wir uns und andere in Gefahr. Wenn wir krank sind, geraten wir leicht in die Isolation. Viele von uns erleben sich in zwischenmenschlichen Begegnungen jenseits der vertrauten vier Wände unsicher, vorsichtig, ängstlich. Randgruppen gehen in den Widerstand, bei dem Gedanken daran, sich den neuen Regeln unterzuordnen, und werden so zu einer potenziellen Bedrohung für die Gemeinschaft. Vieles, was uns vertraut ist, fällt weg oder verkehrt sich in sein Gegenteil. Die Gemeinschaft der Menschen erfährt weltweit eine Welle von kollektivem Stress, der kaum eine Seele unberührt lässt. Wenn dann noch der Verlust des Arbeitsplatzes oder schwere Krankheit hinzukommen, nimmt die gefühlte Gefahr schnell eine existenzbedrohende Dimension an. 

Mit der Anspannung leben

Dies alles erzeugt Anspannung im Körper und in den Gedanken, für die wir uns nicht zu schämen brauchen. Wichtig ist, dass wir sie als zutiefst menschliche Antwort auf eine bedrohliche Realität zulassen und uns allmählich damit anfreunden, dass sie nicht so schnell weichen wird. Dies ist keine einfache Übung, denn Unruhe und Sorgen lassen sich durch Zurufe von innen oder außen nicht vertreiben. Hier kann es hilfreich sein, die Aufmerksamkeit auf all jene Bereiche des Lebens zu lenken, die Stabilität und Sicherheit vermitteln – liebe Menschen, ein Haustier, ein Spaziergang an der frischen Luft. Besonders hilfreich mag es sein, für kurze Momente am Tag die Augen zu schließen, den Atem wahrzunehmen und den Körper zu spüren. Auf diese Weise wird das absichtsvolle Nicht-Tun zu einer nützlichen Praxis, die stets zur Verfügung steht.

Wir sind eingeladen, diese besondere Zeit anzunehmen, so gut es geht. Darin erkenne ich auch eine große Chance. Denn diese besonderen Augenblicke im Leben führen uns die Einzigartigkeit und Kostbarkeit all dessen vor Augen, was wir ansonsten für selbstverständlich gehalten haben – Familie und Freunde, eine Gesellschaft die Sorge für uns trägt und die Möglichkeit, uns frei und uneingeschränkt in der Welt bewegen zu können. So verstehe ich diese Tage als eine Gelegenheit, mich in schlichter Dankbarkeit zu üben.

Mein Sohn ist heil nach Hause gekommen. Ich freue mich, dass wir als Familie wieder näher zusammen gerückt sind, Zeit miteinander verbringen können, die wir ansonsten nicht gehabt hätten. Ich denke öfter an meine Freunde und rufe sie auch an. Und allmählich stellt sich wieder so etwas wie eine unerwartete und dennoch vertraute Ordnung ein, inmitten einer Zeit der großen Veränderung. (Thomas Zaussinger, 27.3.2020)

Den Alltag neu entdecken

Der Alltag ist durch sich wiederholende Muster geprägt. Dennoch bietet er unzählige Möglichkeiten, mit unserer Erfahrung in Beziehung zu treten

Dieser Beitrag ist am 14.3.2019 in der online-Ausgabe von derStandard.at erschienen.

https://www.derstandard.at/story/2000099262279/nervige-alltagshandlungen-den-alltag-neu-entdecken

Für viele Menschen ist der Alltag durch sich wiederholende Tätigkeiten geprägt – zur Arbeit fahren, Essen, Einkaufen, Zähne putzen, Schulbrote für die Kinder streichen, Staubsaugen, ein Haustier versorgen. Obwohl diese Alltagsverrichtungen ihrem Wesen nach indifferent sind, fühlen sich wiederholte, gleichförmige Aufgaben manchmal langweilig oder mühsam an. Wenn sich innere Unruhe und Unzufriedenheit breit machen, beginnt die Suche nach Abwechslung, Neuem und Aufregendem, um diesem Zustand zu entkommen. Die Sehnsucht, dass die Dinge anders sein mögen, als wir sie gerade vorfinden, nimmt darin ihren Ursprung und ist oftmals die Quelle von Stress.

Im Rahmen eines achtwöchigen Stressbewältigungskurses sprechen die Teilnehmenden darüber, was sie beim bewussten Ausführen von Aktivitäten im Alltag beobachtet hätten. Anna äußert sich, wie sehr sie das Staubsaugen „hasse“:  „Ich sehe keinen Sinn darin, mich auch noch darauf zu konzentrieren“. Am zustimmenden Nicken der anderen Teilnehmer wird klar, dass wir ein relevantes Thema berührt hatten. In dem Wissen, dass es sich um eine universelle menschliche Erfahrung handelt, stelle ich als Achtsamkeitstrainer vertiefende Fragen: „Habt ihr schon öfter bemerkt, dass ihr nicht dort sein wollt, wo ihr euch gerade befindet? Und wenn dem so ist, wie seid ihr damit umgegangen?“ Peter erzählt, dass er seinen häuslichen Verpflichtungen wie ein Roboter nachkäme. Anstatt mit dem Moment in Verbindung zu bleiben, „verwickle ich mich während dem Geschirrspülen in einen inneren Dialog und kann mir dabei regelrecht zusehen, wie ich mich ärgere und schlecht gelaunt werde.“

Eingeschränkte Wahrnehmung

Der menschliche Geist ist erfinderisch, einer gefühlten Tristesse mit vielfältigen Strategien zu begegnen. Man grübelt über Vergangenes, flüchtet sich in schöne Fantasien, rechtfertigt seinen Widerwillen und manchmal erledigt man die Dinge einfach seelenlos, weil sie schlussendlich getan werden müssen. Die damit einhergehende, schleichende Konditionierung verändert jedoch auch unsere Wahrnehmung. Anstatt mit der Aktualität und Fülle eines Vorgangs in Kontakt zu sein, reagieren wir zunehmend auf kontextualisierte und von vergangenen Erfahrungen geprägte Muster. Wir sehen Erfahrungen nicht mehr neu, sondern alles ist bekannt, gewohnt. 

Die Welt auf diese Weise zu erfahren, ist für sich genommen noch kein Problem und in vielen Fällen hilfreich. Wenn wir jedoch noch genauer hinsehen, dann können wir entdecken, dass oftmals stressverschärfende Gedanken und Bewertungen die Ursache dafür sind, warum wir im Alltag zu leiden beginnen: Warum muss ich das schon wieder machen? Das ist unangenehm! Mir ist langweilig! Es wäre schön, wenn … Womit habe ich das verdient? Wenn es nur endlich vorbei sein würde …

Bewertungen erkennen

Das transaktionale Stressmodell des US-amerikanischen Psychologen Richard Lazarus liefert eine Erklärung, weshalb sich die bewusste Zuwendung zu alltäglichen Tätigkeiten lohnen könnte: Wie wir ein Ereignis oder eine Situation bewerten und darauf reagieren, entscheidet darüber, wie wir uns fühlen – zufrieden und leicht oder gestresst und mürrisch.

Die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach hat diesen Zusammenhang in einem ihrer Aphorismen so deutlich zum Ausdruck gebracht: „Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus.“ Wenn wir dies als Weckruf verstehen, unsere Beziehung zu all diesen Momenten genau zu erforschen, dann schaffen wir die Grundbedingungen für eine Neubewertung unserer Erfahrung und damit eine neue Sicht der Dinge.

Gewohnheiten durchbrechen

In der Praxis der Achtsamkeit kennt man von jeher eine Unzahl von schlichten Anweisungen, Präsenz im Alltag zu entwickeln. „Wenn du gehst, dann werde dir von Zeit zu Zeit deiner Schritte bewusst!“, ist eine davon. Unterweisungen wie diese, sollen uns ermutigen, aus dem Strom von konditioniertem Verhalten heraus zu treten und eine frische, nicht-beurteilende Bewusstheit in unseren Handlungen zu entwickeln.

Während Sie diese Zeilen lesen, können Sie einen Moment innehalten, den Blick nach innen wenden, die Aufmerksamkeit ganz auf den Körper richten, sich daran erinnern, dass Sie atmen, wahrnehmen, wie Sie vom Tun ins Sein kommen, bemerken, ob Gedanken da sind, für einen Moment davon Abstand nehmen, sie bewerten, analysieren oder verstehen zu wollen, dem gegenwärtigen Erleben mit Offenheit und Interesse begegnen.

Aufmerksamkeit auf Wahrnehmung

Im wohl bekanntesten Stressbewältigungsprogramm, das von Jon Kabat-Zinn bereits in den 1970er-Jahren am Center for Mindfulness der Umass Medical School in den USA entwickelt wurde, der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness Based Stress Reduction – MBSR), legt man besonderen Wert auf das genaue Beobachten von Erfahrungen und Handlungen im Alltag. Diese absichtsvolle Zuwendung erlaubt es, Gewohnheiten zu erkennen und ein wachsendes Verständnis dafür zu entwickeln, wie sie zur Entstehung von subjektivem Wohlbefinden, aber eben auch Stress, beitragen. Indem Teilnehmende von MBSR-Kursen erlernen, die Aufmerksamkeit auf den Vorgang der Wahrnehmung und der nachgeordneten Bewertung zu richten, gelingt es vielen von ihnen, ihre Beziehung zum Alltag in erstaunlich kurzer Zeit zu verändern. Anstatt eintönigen Erfahrungen aus dem Weg zu gehen, werden Übende aufgefordert, sich ihnen zuzuwenden und sie genau zu erforschen. Es gibt Fragen, die ermutigen sollen, eingefahrene Muster zu erkennen und letztendlich aufzulösen: Wie gehe ich mit all diesen Momenten im Alltag um? Wie wäre es, wenn ich diese Momente zum Anlass nähme, wirklich aufmerksam und wach zu sein – präsent für die Erfahrung in die Arbeit zu fahren, zu essen, zu lieben, die Teller abzuwaschen oder die Zähne zu putzen – der Unlust und Langeweile mit ehrlichem Interesse zu begegnen?

Der Alltag bietet unzählige Möglichkeiten, mit unserer Erfahrung in Beziehung zu treten. Wenn wir unserem Erleben absichtsvoll begegnen, erkennen wir allmählich konditionierte Reaktionen und schaffen dadurch einen über die Zeit wachsenden Freiraum für alternatives und kreatives Handeln. Indem wir während des Tages immer wieder kurze Momente von Präsenz schaffen, erinnern wir uns auch daran, dass das Leben tatsächlich nur im Moment stattfindet. „Und plötzlich habe ich das Gefühl, Zeit bekommen zu haben, wenn mir die Straßenbahn vor der Nase wegfährt“, erzählt Julia am Ende eines MBSR-Kurses ganz von sich selbst überrascht. „Ich habe mich ganz auf das spontane Entstehen und Vergehen von Geräuschen konzentriert. Inmitten all des Lärms der Stadt habe ich dann einen Vogel singen hören, der mich an meinen letzten Waldspaziergang erinnerte – und ich konnte wahrnehmen, wie sich mein Mund zu einem Lächeln verzog.“

Wenn wir uns in Präsenz üben und viele dieser gewöhnlichen, alltäglichen Augenblicke mit einem wachen Geist wahrnehmen, dann wird das subjektive Erleben nicht nur reicher, sondern wir erfahren auch wieder einen natürlichen Zuwachs an Freude und Wohlbefinden. (Thomas Zaussinger, 14.3.2019)

Vom Umgang mit Gedanken

Durch die Übung von Innehalten, Atmen und das Beobachten von Körperempfindungen arbeiten wir in MBSR kontinuierlich daran, Raum in uns zu schaffen, der von Bewusstsein durchdrungen wird. Ein Raum der nicht mehr nur von automatischen Reaktionen regiert wird, sondern zunehmend auch als Spielraum erfahren werden kann.

In Stresssituation reagieren wir sowohl auf der Ebene der Gedanken als auch des Körpers. Der Körper ist dabei ein wunderbares Wahrnehmungs-Instrument und ein guter Freund, um Stressauslöser zu identifizieren. Über ihn erfahren wir wichtige Frühwarnsymptome, die auf der Ebene der Gedanken weitaus schwieriger zu erfassen sind. Diese Erfahrung lässt sich durch Übung auch in weiterer Folge auf die Gedanken übertragen.

Unsere Gedanken und speziell jene, die mit Bewertungen einhergehen, entscheiden in hohem Maße darüber, wie wir Stress erleben und darauf reagieren. Ein Großteil des belastenden Anteils von Stress entsteht im Kopf. Dies wussten bereits die alten Griechen wie folgendes Zitat belegt:

[quote]Die Menschen werden nicht durch die Ereignisse selbst, sondern durch die Sicht der Ereignisse beunruhigt. (Epiktet)[/quote]

Durch die Achtsamkeit auf die Gedanken in der Sitzmeditation erlernen wir, stressverschärfende Gedanken wahrzunehmen und mit einer freundlichen Haltung zu beobachten. Wir erfahren, dass Gedanken als Ereignisse verstanden werden können, die vorübergehend erscheinen, also kommen und gehen. Dies zu erlernen erfordert Übung, Ausdauer und Geduld. Indem wir uns auf diese Einsicht beziehen, verlieren die Gedanken immer mehr an Macht über uns, besonders in schwierigen Situationen.

Entgegen gängigem Verständnis geht es in der Meditation nicht darum, einen Zustand von Gedankenleere zu erreichen, sondern Gedanken als solche zu erkennen und dann auch wieder ziehen zu lassen. Die Forschungsfrage welche wir damit an uns selbst richten lautet: Bin ich meine Gedanken oder habe ich Gedanken?

Akzeptieren

Wenn Gedanken sehr hartnäckig oder schwierig sind, besteht der erste Schritt immer darin, sie vorerst einmal wahrzunehmen und ihre Anwesenheit anzuerkennen. Wir sollten uns in keinem Fall dafür verurteilen oder bestrafen, dass sie da sind!

Alternativ kann man ganz bewusst  Selbstmitgefühl entwickeln, indem man innerlich formelhafte Sätze wie „die Gedanken dürfen da sein“, „ich darf Fehler machen“ ausspricht. Das „Ich darf“ ist ein Ausdruck von Akzeptanz und ein Schritt zur inneren Erlaubnis hin, so denken zu dürfen, wie man es gerade tut.

Hinterfragen

Du kannst dir aber auch Fragen stellen wie:

  • Ist das wirklich so?
  • Ist dieser Gedanke hilfreich?
  • Würde eine andere Person, die ich schätze, diesen Gedanken als hilfreich erleben?
  • Was würde ein guter Freund oder eine gute Freundin sagen?
  • Was genau ist so schlimm daran?

Naturphänomen

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass wir von Zeit zu Zeit den Himmel zu unserem Beobachtungsfeld erklären, um darin das Wesen unserer Gedankenwelt zu erkennen.

Schaue in den Himmel und beobachte die Wolken wie sie vorüberziehen. Stelle dir vor, du wärst der Himmel und die Gedanken wären die Wolken die da kommen und gehen, sich fortlaufend verändern. 

In diesem Sinnbild sind Wolken die Gedanken und der Himmel die Achtsamkeit. 

Atmen und Empfinden

Und immer wieder können wir uns, wenn wir uns in Gedanken verloren haben, auf die einfache Übung der Atem- und Empfindungsbeobachtung beziehen. 

Der Geist als Sinnesorgan

Wir können unseren Geist auch als das Sinnesorgan für unsere Gedanken betrachten. So wie wir die Veränderlichkeit von Körperphänomen beobachten, können wir die Unbeständigkeit von Gedanken wahrnehmen. Eine fundamentale Eigenschaft unseres Geistes ist es, zu denken. Dies ist seine wesentliche Aufgabe. Wir brauchen uns jedoch nicht zum Sklaven unserer eigenen Gedanken zu machen. Durch die Meditation entsklaven wir uns sozusagen von ihnen.

Was können wir wahrnehmen, wenn wir unsere Gedanken beobachten?

  • Wir bemerken, wie wir Geschichten erzählen, Gedanken spinnen, innere Landschaften von Tatsachen schaffen, die in der Realität außerhalb von uns nicht existieren. Wir können uns bewusst machen, wie wir die Landkarte mit der realen Welt verwechseln.
  • Wir entdecken wie Gedanken kommen und gehen, ungefragt auftauchen, bleiben und wieder vergehen.
  • Wir sehen einen unendlichen Strom mentaler Ereignisse an uns vorüber ziehen.

Und wieder hilft uns die Natur dabei, unsere innere Wesenheit besser verstehen zu lernen:

Stürme mit unterschiedlicher Intensität tauchen in der Atmosphäre unseres Planeten auf. Wie stark die Stürme auch sein mögen, der Himmel zeigt sich davon unberührt. Er bietet stets genügend Raum, ihnen uneingeschränkt ihre Entwicklung nehmen zu lassen.

Mit der Achtsamkeit schaffen wir diesen Raum in uns selbst, so dass wir die Stürme unserer Gedanken vorüberziehen lassen können. Indem wir uns auf diese Art und Weise von unseren selbst-limitierenden Gedanken befreien, fördern wir einen stabilen Zustand von Freiheit und Frieden.

Mehr anstatt weniger Stress

Fibonacci Sequence

Durch die langsame und kontinuierliche Zunahme der Achtsamkeit nehmen wir die Welt um uns herum deutlicher und intensiver wahr. Damit erfahren wir auch unangenehme Dinge in unserem Leben mit größerer Klarheit. Unsere gute Absicht, den Stress zu verringern, wird mitunter dadurch durchkreuzt, dass wir durch die Lupe der Achtsamkeit noch mehr davon wahrnehmen, ohne darum gebeten zu haben. Dies kann zu der irrigen Annahme führen, den falschen Weg der Heilung gewählt zu haben.

Wenn ein Patient der unter einer Krankheit leidet einen Arzt aufsucht, dann wird ihm der Arzt nicht sofort eine Medizin verschreiben, sondern zunächst eine gründliche Untersuchung durchführen. Auf Basis des Untersuchungsergebnisses wird er eine Diagnose stellen und dann eine geeignete Medizin oder Behandlung vorschlagen.

Indem wir uns selbst zum Diagnostiker unserer eigenen Erfahrung erklären, führen wir diese Untersuchung an uns selbst durch, ergründen im Detail wie wir auf der Ebene des Geistes, der Gefühle und des Körpers reagieren. Bis jetzt haben wir das vielleicht vermieden und eher mit den uns vertrauten Strategien im Umgang mit Problemen gehandelt. Wir haben damit unsere elementare Erfahrung zugedeckt, betäubt und ignoriert.

Mit dem Mittel der Achtsamkeit verweilen wir bei all den unangenehmen Empfindungen, Gedanken und Gefühlen die von Moment zu Moment in uns auftauchen, lassen sie da sein, wie einen Gast den wir nicht eingeladen haben, dem wir aber dennoch das Angebot der Begegnung zuteilwerden lassen und ihm mit Offenheit und Neugier begegnen.

Wir empfinden vielleicht den Drang das Problem rasch lösen oder das Unangenehme daran beseitigen zu wollen und entscheiden uns dennoch dafür, es zuzulassen, da sein zu lassen, nicht weg haben zu wollen.

Dies ist ein Akt von unglaublicher Größe und Liebe zu sich selbst.

3sat- Scobel zum Thema Buddhismus heute

In der immer sehr empfehlenswerten gleichnamigen 3sat- Sendung von Gerd Scobel wurde diesmal über das Thema Buddhismus heute diskutiert. Hervorheben möchte ich einen kurzen Beitrag der sich dem Thema Yoga und Meditation  widmet, den Basiskonzepten von MBSR.

In diesem Beitrag kommt auch der bekannte Achtsamkeitsforscher Prof. Dr. Stefan Schmidt vom Universitätsklinikum Freiburg zu Wort und erklärt die Wirksamkeit und Erforschung von Achtsamkeit im klinischen Umfeld. Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt wurde zwar nicht in der Sendung selbst veröffentlicht, jedoch kann es in der Mediathek von Scobel angesehen werden.