Tauben unter dem Dach

Noch immer finde ich das Gurren der Trauben direkt unterhalb meines Kopfes befremdlich. Eine undichte Stelle im Dach muss es den Vögeln ermöglicht haben, vorbei am Wachpersonal, Zugang zum Office eines weltweit operierenden Unternehmens zu bekommen. In meiner Phantasie entferne ich eine Platte der abgehängten Decke und blicke mitten in ein Nest mit kleinen Tauben. Niemand der Anwesenden Teilnehmer scheint sich an der Tatsache zu stoßen und so beschließe ich diesen Umstand nicht anzusprechen. Was würde passieren, wenn noch andere Tiere auf die Idee kämen sich hier ein Zuhause zu errichten? Dieser Gedanke führt mich zu weit weg und ich wende mich wieder meinen Aufgaben zu.

Während ich diese Zeilen auf der Terrasse des Hotels schreibe werde ich von dichten Nebelschwaden eines beißenden und stinkenden Mittels gestört. Zur Vorbereitung der Hochzeit heute Abend wird das gesamte Gelände um das Hotel herum mit einem Insektizid von Moskitos befreit. Ich komme mit dem Barkeeper ins Gespräch und nutze die Gelegenheit, um mich über die Feierlichkeit zu erkundigen.

Eine Hochzeit dieser Größe kostet der Familie der Braut ca. eine Million Rupien, das wären so um die 30 Monatsgehälter eines gut verdienenden Angestellten. Eine gewaltige Summe für den größten Teil der Bevölkerung. Die Hochzeit wäre wahrscheinlich arrangiert, dies sei in solchen reichen Kreisen immer der Fall, sagt er. Vielleicht kennen sich Braut und Bräutigam erst seit ein paar Wochen, bestenfalls Monaten. Erst wenn zwischen den Familien alles klappe und sich die Eheleute vorstellen könnten miteinander zu leben, dann würde das Hochzeitsfest ausgerichtet werden. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie viele Ehen tatsächlich aus Liebe erfolgen oder nur arrangiert werden. In jedem Fall muss man, um als potentieller Kandidat in Frage zu kommen ein tadelloses Leben führen. Dies sei unbedingte Voraussetzung, um eine „gute Partie“ zu machen, wie ich von einem Schulungsteilnehmer erfahre. Indische Männer und Frauen die gerne trinken fallen umgehend durch das strenge Auswahlverfahren.

 

Die Teilnehmer der Schulung gehen freitags gerne auswärts Essen und so komme ich heute in den Genuss, mit der illustren Gruppe ein Mittagessen in einem guten vegetarischen Restaurant einzunehmen. Ich habe mich schon auf die Fahrt mit einem Scooter gefreut, um einmal den Wahnsinn der Strasse am eigenen Leib zu erfahren, ohne schützende Karosserie um mich herum. Dann kommt leider die Entwarnung und wir fahren doch alle mit einem Auto zu dem kulinarischen Tempel in der Stadt. Dabei hatte ich mich schon so auf ein Erlebnis der besonderen Art gefreut.

Die Suppe schmeckt ausgezeichnet, aber sie ist sehr scharf. Dies würde für einen durchschnittlichen Europäer bedeuten, dass er auf der Stelle Feuer speien könnte. Das Training von einer Woche hat sich jedoch ausgezahlt und ich löffele sie fast bis auf den letzen Rest aus. Eigentlich bin ich schon satt, aber da kommen gerade die Starters. Jeder bekommt von den verschiedenen Häppchen etwas auf den Teller und dann als ich eigentlich bereits vor dem Platzen bin kommt erst das Hauptgericht. Linsen, Rotis und diverse Curries werden serviert. Wie soll ich da noch ein Training abhalten können? Mir ist nur mehr nach Liegen.

 

Wir unterhalten uns sehr angeregt am Tisch. Es gibt viele Fragen welche die Unterschiede von Österreich und Indien betreffen. Drei Kollegen aus der neuen indischen Einheit sollen für einen längeren Zeitraum nach Wien kommen. Mit leuchtenden Augen verfolgen sie meine Ausführungen und stellen Frage um Frage. Ich freue mich darauf, dass sie die Möglichkeit bekommen haben, so weit weg zu reisen. Für die meisten Inder ist dies reines Wunschdenken. Sie könnten sich so eine Reise niemals leisten. Ein guter Durchschnittsverdienst beträgt keine 400 Euro im Monat.

 

Der Blick auf die Uhr verrät uns, dass wir bereits ein halbe Stunde überzogen haben, aber ein gutes Essen muss mit Paan abgeschlossen werden. Bei Paan handelt es sich um Betelnuss-Blatt das mit einer Areca-Nuss und anderen Gewürzen gefüllt und dann zu einer kleinen Tasche gefaltet wird. Diese wird dann mit einem Zahnstocher fixiert, darüber kommt aromatischer Sirup und Kokos-Streusel. Die Tasche kommt sogleich in den Mund und wird langsam gekaut. Dabei entstehen kleine Geschmacks-Feuerwerke. Angeblich gibt es viele Leute in Indien die ohne so ein Stück im Mund keinen Schritt machen würden, so sehr sind sie süchtig darauf. Dies hängt vielleicht auch mit einer schwachen psychoaktiven Wirkung zusammen, von der ich jedoch nichts merke.

 

Jetzt nach der ersten Woche Schulung merke ich wie gut ich mich mit den Leuten hier verstehe. Es ist gegenseitiges Wohlwollen das die Zusammenarbeit so angenehm macht. Obwohl ich in einem so grundlegend verschiedenen Land zu Gast bin, spüre ich auch eine große Gemeinsamkeit. Im Grunde sind wir alle Menschen und dies ist die vielleicht beste Botschaft, die ich wieder nach Hause mitnehmen werde.

Heute gibt es wieder ein Fest vorm dem Hotel, aber noch ist der Platz vor meinen Füßen leer und wartet auf seine bunten und glitzernden Gäste.

 

 

 

 

 

Masala Dosa

Masala Dosa ist eine kleine Welt für sich. Heute esse ich nach der Arbeit im Zentrum der Altstadt ein meisterlich zubereitetes Dosa. Eine goldbraune Rolle, etwa vierzig Zentimer lang beinhaltet genug Raum, um eine würzige Kartolffelmasse und geräumig Luft nach oben und zu den Seiten aufzunehmen. Der rohe Teig aus eingeweichten Reiskörnern und weißem Urid Dal wird zu einer sämigen Masse zermalen, um dann auf einer heißen rechteckigen Stahl-Platte zu einem Kreis von ca. 40 cm Durchmesser verstrichen zu werden. Nach kurzer Zeit ist die Unterseite der Dosa goldbraun gebraten, dann wird die Kartoffelmasse in der Mitte positioniert und die nun knusprig gebratene Scheibe großzügig zusammen gerollt. Dem Gast wird dieser köstliche südindische Snack mit einer kleine Schale Sambar Sauce und Coconut-Chutney serviert.

Ich sitze in der ersten Reihe der Restaurants und blicke durch den offenen Balkon auf das bunte Treiben eines der belebtesten Plätze von Pune. Da sich in unmittelbarer Nähe ein berühmter Ganesha Tempel befindet, werden an jeder Ecke Blumengirlanden angeboten und im Hinterhof geknüpft. Schön sind sie alle. Auch verströmt dieser Teil der Altstadt einen Duft von Räucherwerk, mal riecht es nach Weihrauch, dann wieder nach Rose oder Sandelholz. In der Dunkelheit scheinen die hell erleuchteten Läden scheinbar zu glühen. Wer sich keinen Laden leisten kann, sitzt mit seinen Waren in der Reihe davor auf dem Boden, genauer gesagt auf der Kante zwischen Gehsteig und Strasse, was für den Passanten bedeutet, dass er sich andauernd auf wechselnde Gegebenheiten im Gehsteig-Bereich einstellen muss.

In Indien wird der Gehsteig automatisch zu einem Mehrzweckstreifen umfunktioniert. Er muss für alles herhalten, was einem so in den Sinn kommt. Mal ist er Parkplatz für die vielen Mopeds, dann ein Schlafplatz, ein Ort auf den überall gespuckt oder auch mal uriniert wird, dann wieder eine verlängerte Werkstätte oder eben ein Geschäftslokal. Jeder Zentimeter wird genützt. Dort wo niemand den verfügbaren Platz besetzt, liegt meist ein großer Erdhaufen am Boden oder es befindet sich ein Loch, ein Baum oder ein Gerätekasten an dieser Stelle. In jedem Fall empfiehlt es sich mit sehr wachem Blick unterwegs zu sein, da man sich ernsthaft verletzen kann, wenn man nicht gut genug aufgepasst hat.

Noch einmal besuche ich den schönen Innenhof mit dem Rama Tempel und treibe mich in den netten kleinen Souvenirläden herum, die religiöses Inventar feil bieten. Wirklich schön ist es hier!

Gut, dass ich rasch einen Tuk-Tuk Fahrer finde, der bereit ist mich in einen fernen Stadtteil zu führen. Für 150 Rupien fährt er mich auf extremen Schleichwegen durch die Stadt. Ich traue meinen Augen nicht, als wir uns umgehend in einem großen indischen Rotlicht-Viertel wieder finden. Hier stehen die Frauen dicht gedrängt aneinander in ihren Saris und sehen gar nicht wie Prostituierte aus. Aber dennoch hat es hier diese spezielle Atmosphäre. Zu schnell geht alles, als dass ich genauer hinsehen könnte. Später recherchiere ich dann im Hotel, dass es in Indien eine riesige Sex-Industrie gibt. In Mumbai und auch Pune arbeiten zehntausende Frauen in diesem Gewerbe. Meist werden sie von Frauen dafür angeworben oder zwangs-prostituiert. Dies ist ein dunkles Thema in dem bunten Land. In Mumbai so nimmt man an, ist jede zweite Sexarbeiterin mit dem HIV-Virus infiziert.

Damit es mir nicht zu ruhig wird bei der Fahrt, dreht der Tuk-Tuk Fahrer noch seine Musikanlage auf und ich werde in Disco-Lautstärke von hinten mit indischer Dance-Music beschallt. Es ist ohrenbetäubend laut und die blauen LED-Ketten vermitteln ein wenig Dance-Floor Atmosphäre. Bei der Fahrt über die vielen Strassen-Schwellen wird die Musik wegen eines Wackelkontakts mehrmals unterbrochen, um dann wieder in voller Lautstärke zu ertönen. Meine ganz private Party bereitet mir viel Spaß und Freude.

 

Koregaon Park

Bei einem nächtlichen Spaziergang durch die breiten Straßen des Koregaon-Parks fallen dem aufmerksamen Beobachter zwei Dinge ins Auge. Zu beiden Seiten des Strassen befinden sich wunderbare, beinahe mystisch anmutende Banyan Bäume, welche bei Tage ein Paradies im Schatten der Sonne erzeugen. Dann folgen die meist Meter hohen Mauern, welche vereinzelt durch breite Einfahrten unterbrochen werden. Dort steht meist ein Wachposten in Uniform. Vereinzelt bekommt man Einblicke in die verborgenen Grundstücke mit ihren alten Villen aus der Kolonialzeit oder Teils aus der Moderne.

Nur sehr reiche Menschen leben hier, unter anderem erklärt mir Peter wissend, dass die FamilieYogi, vor deren Anwesen wir nun stehen, die Hälfte der Allianz-Aktien in Indien hält. Schade, dass sie uns nicht einladen, zu gerne hätte ich einen Eindruck von der Lebensweise der ultra reichen Leute in Indien bekommen. Hier könnte ich mir auch vorstellen zu leben, abseits des üblichen Straßenlärms. Nur vom Staub der Stadt bleiben die feinen Damen und Herren nicht verschont. Der Dreck lässt sich auch auf den feinsten Villen und deren Gärten nieder, wie man an jedem Blatt der Sträucher und Bäume ablesen kann.

Osho, alias Bhagwan hat hier auch gewohnt. Nun kann man im Pilger-Zentrum nächtigen, da es für Touristen zugänglich gemacht wurde. Die einzige Voraussetzung dafür ist ein negativer HIV Test. Angeblich kann man dort gegen teure Rupien die verrücktesten Menschen aus aller Welt kennen lernen, in roten Gewändern rituelle Tänze durchführen und nachdem Guru sich vor allem als Sex- Guru einen Namen machte, vielleicht noch einige Dinge mehr.

Da es bereits Abend ist besuche ich noch mein vegetarisches Lieblings-Restaurant und gönne mir diesmal zwei Hauptspeisen. Um nicht einmal 2 Euro für Speis und Trank werde ich so satt, dass ich nur mehr träge in das Hotel zurückgehen kann. Heute gibt es keine Party, aber von der Terrasse des Hotels kann ich beobachten, wie bereits das nächste Fest vorbereitet wird.

Hochzeit um Mitternacht

In mein Hotelzimmer dringt lauter Lärm, Getöse aus Tröten und wilden Trommeln. Eine Hochzeit wird auf dem Festgelände vor dem Hotel ausgerichtet. Ungewöhlich ist der Zeitpunkt. Jetzt um 22:00 wird der Bräutigam von einer Heerschar Männer auf Händen durch einen transparenten Tunnel aus Stoff Richtung Braut getragen. Der Lärm ist so unermesslich, dass ich mir die Ohren zuhalten muss. Frauen in den schönsten Saris laufen an mir vorüber, während der Bräutigam mit Geldscheinen beregnet wird. Es ist ein riesiges Fest. Ich schätze die Anzahl der Gäste auf um die Tausend. Indische Hochzeiten dauern traditionell drei Tage lang. Ich frage mich, ob die frisch vermählten Eheleute da noch Energie und Zeit finden werden, um sich abseits der Menge näher kommen zu können.

Was für ein Land der Gegensätze. Am anderen Ufer des nahen Flusses breitet sich eine Slum-Siedlung aus, die sogar für indische Verhältnisse unglaublich einfach ausfällt. Im Umkreis von 500 Metern findest du die ganze Schönheit und die ganze Katastrophe nahe beieinander liegen, so als wäre es das sSlbstverständlichste von der Welt so zu leben, sowohl für die Einen als auch die Anderen. Karma nennt man das in Indien. Bei uns würde man das als reinen Zynismus und gesellschaftliche Ignoranz bezeichnen.

Ich muss mich wiederholen, aber seit ich in Indien bin, habe ich jeden Tag ein Fest erlebt.

Kharadi Knowledge Park

Zum Frühstück beiße ich herzhaft in eine vermeintliche Kirschtomate und bin sogleich unwiderruflich wach. Die Chili hat in meinem Mund einen Brand gelegt, der sich nur mit viel Wasser löschen lässt. Heute bin ich müde, spüre noch immer den Jetlag der von Tag zu Tag weniger wird.

Das Taxi wartet verlässlich um acht Uhr vor der Türe und Peter und ich steigen beide im Anzug in einen schicken Tata-SUV, der uns unerwartet schnell zum Kharadi Knowledge Park bringt. Auf Google Maps sah der Park noch unwirklich aus, jetzt steht er vor mir und zeigt sich in prächtiger moderner Architektur. Die tropischen Pflanzen spiegeln sich in den großzügigen Glasflächen, welche die asymmetrischen Gebäudeteile begrenzen. Wir befinden uns in einem von vier großen Tech-Parks von Pune. Hier lassen Firmen wie Honeywell, Symantec und Vodafone ihre Software entwickeln. Gegen neun Uhr ist es noch ruhig hier, da die Arbeitszeiten fast aller Mitarbeiter von zehn bis sechs Uhr am Abend gehen.

Als wir das Allianz Büro im siebten Stock unter dem Dach betreten herrscht eine große Leere und Stille. Außer dem Wachmann und uns scheint noch niemand da zu sein. Das große Allianz-Logo hinter dem Empfang strömt Vertrautheit aus und vermittelt mir eine beinahe familiäre Atmosphäre. Dann betreten wir das Büro. Man stelle sich einen riesigen Raum vor, der ungefähr 250 Arbeitsplätze bietet. Die Tische in weiß, schwarzer Stuhl und eine Trennwand zum Nachbartisch. Bis auf ein paar vereinzelte Arbeitsplätze ist hier alles leer. Ulrich Seidl würde hier begeistert ein  langes Stillleben in Breitwand aufnehmen. Es duftet nach Weichmachern, alles ist neu eingerichtet. Am Ende des Raumes wischt jemand einen Tisch nach dem anderen mit einem Tuch ab. Mein erster Gedanke war Dankbarkeit, dass ich hier nicht arbeiten muss. Wenn der ganze Raum mit Menschen erfüllt ist, dann könnte es hier sehr sehr dicht werden. Die Inder sind einiges an dichtem Beisammensein gewöhnt und auch das Arbeitsinspektorat legt wahrscheinlich weniger strenge Vorlagen auf. Der Leiter der Einheit kommt uns entgegen und führt uns in ein großes modernes Besprechungszimmer. Dort packen wir unsere Gerätschaft aus und bereiten uns auf das Training vor. Ein Butler bringt uns Kaffee, der mit weißen Handschuhen überreicht wird. So ein nobles Service war mir bis heute unbekannt. In solchen Momenten geht es mir nicht gut, da ich den Eindruck vermittelt bekomme, als wäre ich eine höher gestellte Person.

 

Die Schulung selbst läuft in einer sehr amikalen Atmosphäre ab. Die Teilnehmer sind freundlich, offen und gebildet. Im Gegensatz zu Kollegen aus der Heimat stellen sie viele Fragen und sind wirklich wissbegierig, probieren viele Dinge unmittelbar aus. Das gefällt mir und motiviert mich auch als Vortragender.

Sonntagsidylle im Empress Garden

Was macht man an einem langen Sonntag Nachmittag in Pune? Zuerst einmal recherchieren. Eigentlich möchte ich mir gerne einen Tempel ansehen, aber die Reisezeit beträgt gut anderthalb Stunden in eine Richtung. Ich beschließe den botanischen Garten zu besuchen. Der ist ein paar Kilometer vom Hotel entfernt und ich erwarte mir eine subtropische Idylle, wenngleich ich nicht vergesse, dass ich mich in Indien befinde. Hier sind Traum und Wirklichkeit, Schönheit und Scheußlichkeit wie ein gefesseltes Paar miteinander verbunden.

Das Tuk-Tuk ist mein Verkehrsmittel erster Wahl. Ich freue mich schon auf die wilde Fahrt durch die Strassen zu meinem Ziel. Der Fahrer erklärt mir, dass er ohne Taxameter für 200 Rupien dort hin fahre: Ich möchte handeln, da der Preis massiv überteuert ist, aber habe keine Lust darauf. Ich wittere die Schlitzohrigkeit, aber möchte ihm den kleinen Erfolg gönnen, einen Touristen übers Ohr gehauen zu haben. Als wir am Parkeingang ankommen wird mein Gefühl bestätigt. Es ist kein einsamer Ort, der einem Taxi keine Gelegenheit bietet, eine Retour-Fahrt zu bekommen. Im Gegenteil! Es handelt sich um einen beliebten Treffpunkt für Familien mit Kindern. Beliebte Treffpunkte sind in Indien für europäische Verhältnisse massiv überlaufen. Ich genieße das bunte Treiben von spielenden Kindern und Eltern die sich auf Decken unter riesigen Bäumen vor der Sonne schützen. Ruhe finde ich hier keine. Dafür kann ich die vielen jungen Paare beobachten, wie sie hier ein paar Momente ungestört für sich sein können. Trotz der vielen Leute hat es eine friedliche Atmosphäre.Das Sonnenlicht bricht sich fahl im Laub der Bäume, die hier wie Riesen in der Landschaft stehen, überdimensionale Kronen ausbilden. Ich muss an das Mogli- Buch aus meiner Kindheit denken. Ja so hat es hier wohl früher überall ausgesehen, als der Wald noch einen Großteil des Subkontinents bedeckte.

Nach einem Rundgang durch den Park setze ich mich nieder und es dauert keine Minute, da kommen bereits ein paar Jugendliche auf mich zu. Fragen mich wie ich heiße, was ich beruflich mache, die übliche Kontaktaufnahme. Eigentlich kommen sie nur, damit sie mit mir auf einem Foto abgebildet sein können. Dies geht Blitzschnell. So um die sieben Burschen setzen sich neben und vor mich. Links und rechts bekomme ich Arme über die Schultern gelegt und dann werden mit dem Handy Fotos gemacht. Die Kinder haben ihre Freude und ich freue mich auch, da ich mit so einfachen Mitteln die jungen Leute beschenkt habe. So ist Indien. Früher hätte mich so eine Situation wahrscheinlich gestresst, da ich dahinter eine andere Absicht vermutet hätte. Heute lasse ich mich von Moment zu Moment treiben. Es fühlt sich gut und richtig an.

Ich schlendere weiter und finde einen ruhigen Platz am Ende des Parks. Hier kann ich für kurze Zeit alleine sein, die Frauen in ihren bunten Saris dabei beobachten, wie sie die Blumen pflegen, Körbe voll Erde auf ihren Köpfen balancieren. Heute ist Sonntag, aber für diese Frauen gibt es wahrscheinlich keinen freien Tag.

 

Ich stärke mich mit einem kleinen sehr scharfen Snack an der kleinen Einkehr. Dreckig ist es hier, sehr dreckig, aber ich finde die Patina schön. Wenn ich das was ich sehe nicht sofort kritisiere, dann hat auch so ein Ort seinen Charme. Die Menschen um mich herum nuckeln an ihrem Cola und speisen mit ihren Kindern. Eine indische Sonntags- Großstadt- Idylle.

Bevor ich den Park verlasse, schaue ich noch mit Begeisterung den Kindern zu, wie sie sich mit ihrem ganzen Gewand in das riesige mit Wasser gefüllte Fontänen-Becken werfen. Hier stehen die Eltern und sehen ihnen dabei zu, als wäre der Anblick das Selbstverständlichste auf der Welt. In Österreich würde man so eine Szene nie beobachten können. Zu sehr würden hier zornige und verächtliche Blicke von Passanten so eine Möglichkeit im Keim ersticken. Dafür ist alles ordentlich und aufgeräumt.

 

Zurück im Hotel treffe ich Peter, der heute morgen mit dem Flugzeug aus München ankam. Wir gehen gemeinsam Essen und besprechen uns für den morgigen Tag. Auf der Terrasse des Hotels lausche ich noch einem indischen Drummer bei seiner Indie-Drum&Bass Live-Performance. Seit dem ich in Indien bin, hatte ich jeden Tag eine Party.

 

Nightlife in Pune

Samstag Abend in Pune möchte ich nicht alleine verbringen. Die Recherche beginnt mit der Suche im Internet. Beim Blick aus meinem Fenster im elften Stock des Hotels bemerke ich buntes, sich veränderndes Licht. Dann höre ich auch schon die tiefen Bässe, übertönt von Hundegebell und Huperei. Wie sich bald herausstellen wird, befinde ich mich in einer der hippesten Gegenden von Pune. Hier feieren die Reichen und Möchtegerns ihre Parties in schicken Bars von neu errichteten Gebäuden. Auf der Launch- Terrasse meines Hotels, dem Westin frage ich einen Barkeeper nach einem guten Lokal in der Nähe, wo man auch tanzen könne. Er empfiehlt mir den Nachtclub des Hotels. Dieser sei im Moment der beste Platz in Pune, wenn man einen tollen Abend verbringen möchte.

Nach einem guten Abendessen in einem hervorragenden vegetarischen Restaurant gehe ich noch einmal auf die Terrasse, um den letzten Teil eines Konzerts eines bekannten indischen Drummers zu verfolgen. Direkt von der Hotelterrasse blicke ich auf die Menge von elitären Gästen und auf eine moderne Bühne mit drei Leinwänden, Live-Kamera und moderner Licht- und Tontechnik. Die Gegensätze inmitten einer Stadt könnten nicht grösser sein.

 

Wer sich den Nachtclub leisten kann, muss gut verdienen. Zuvor zahlte ich noch 120 Rupien für ein wunderbares Abendessen, jetzt muss ich Getränke-Bons im Wert von 1000 Rupien kaufen. Ein kleines Bier Kingfisher kostet 350 Rupien.

Auffallend viele junge Leute. Anfangs habe ich das Gefühl auf einer Teenie-Party zu sein. Die Damen tragen keine Saris, sondern sehr knappe Röcke die sich bei uns nur die schlankesten Frauen leisten können. Dazu Stilettos. Die Herren auffallend einfach gekleidet. Meist nur Jean und Hemd. Dies passt mir gut, denn diese Mode habe ich auch im Koffer.

Langsam füllt sich das Lokal, vereinzelt kommen jetzt auch Menschen aus Europa. Erst als mich ein Spanier, der in Berlin lebt anredet, bricht das Eis und ich lerne innerhalb von zwei Stunden gut ein Dutzend Leute aus Deutschland, Österreich und Italien kennen. Alle sind sie aus dem selben Grund hier. Sie schauen nach dem Rechten, bringen Dinge in Ordnung und freuen sich wieder auf Zuhause.

Die Befürchtung, dass Indien uns in Europa Arbeitsplätze wegnehmen könnte verflüchtigt sich innerhalb dieses Abends. Zu groß sind die Kulturunterschiede und Sozialisierungen zwischen Mitteleuropa und Indien. Das Chaos, welches man nicht übersehen kann, findet auch in Unternehmen seine Fortsetzung. Alle beklagen sich über ein fehlendes Bewusstsein für Ordnung und Qualität. Wenn man nicht permanent nachkontrollieren würde, dann würden die Dinge schnell aus dem Ruder laufen.

Ein Italiener der ein Ferrero Werk leitet lebt schon seit zwei Jahren in Pune. Er freut sich schon sehr auf die Zeit nach seinem Einsatz.

Ein Pole, der die technische Projektleitung in einem VW Werk ausübt, kommt heuer bereits zum fünften mal her, immer um etwas wieder in Ordnung zu bringen. Er hat es schon satt. In Deutschland und sogar in Russland könne man auf dem Boden eines Werkes Essen, so sauber sei es dort. Hier sagt er, verdreckt alles. Ein anderer Deutscher, der Maschinen für den Straßenbau herstellt, bestätigt, dass es nirgends so dreckig ist wie in Indien.

Jetzt weiß ich auch wie viel ein gut ausgebildeter Inder in Pune verdient. Zwischen 30000-40000 Rupien. Gerade mal 400 Euro.

Um halb zwei in der Nacht verlasse ich den nun schon extrem dröhnenden Club, der nach allen Seiten hin ins Freie geöffnet ist. Zuerst dachte ich, dass dies riesige Glasscheiben wären, durch die ich da blicken würde. Nein, alles offen, mit Blick auf eine tolle Architektur aus Glas, Beton und Licht.

Bevor ich schlafen gehe, werde ich noch am Hoteleingang kontrolliert, immer das selbe Prozedere. Dann noch ein kleiner Stromausfall und ein in den Schlaf gleiten, mit Hundegebell und Disco Dröhnen. Aber ich bin schon zu müde, mag nur mehr schlafen.

 

Pune – Erster Kontakt mit der Fülle

Am Morgen beschließe ich, in die Stadt zu fahren. Das Ziel sollte die alte Wehranlage sein. Meine erste Fahrt mit einem TukTuk seit über 26 Jahren macht mir riesig Spass. Ich lasse alles an mir vorüberziehen, mache mich ganz durchlässig, um die Erfahrung bis in alle Zellen zu spüren. Die Fahrt gerät zu einem Abenteuer. Unaufhörliches Hupen, schieben, angasen und stehenbleiben. Der Fahrer stellt sich geschickt an und bewegt sich wie ein Wiesel, flink und schlau durch den sich ständig verändernden Verkehr. Für das ungeübte Auge stellt sich der Verkehr als ein unglaubliches Chaos dar, scheinbar ohne Ordnung und voll von Gefahren. Trotz alledem, kommt man schnell voran, in diesem Organismus der sich nicht einfach erklären lässt. Man muss ihn erfahren haben. Ich gewinne den Eindruck, dass die Inder permanent drängeln. Dieses Verhalten ist mir auch schon in Dubai aufgefallen. Es findet sich im Straßenverkehr wieder. Jeder möchte schnell voran kommen, jeder freie Platz wird genutzt, um noch einen Meter weiter vorwärts zu kommen. Dabei weichen sie geschickt, wenngleich im allerletzten Moment, allen Hindernissen aus, die sich in den Weg stellen. Autos, Motorräder und Fußgänger bilden eine Einheit, schrammen aneinander vorbei, warnen sich durch ständige Huperei. Die Hupe ersetzt die Ampel, die Verkehrszeichen und die Polizei.

 

Eine unglaubliche Freundlichkeit wird mir an vielen Orten entgegengebracht. Ein Familie mit vielen süßen Kindern spricht mich an, ob ich mit ihnen auf einem Foto sein könnte. Die Kinder freuen sich, strahlen, haben ihren Spaß. Die Eltern sind stolz und kommunizieren über ihren ältesten Sohn, der ein wenig Englisch spricht. Alles kommt vom Herzen. Ich werde sie noch einmal an einem anderen Ort in der Anlage treffen. Dort fragt mich der Sohn, ob ich ein paar Euromünzen für ihn hätte, da er sie sammle. Seine Augen strahlen als ich meine Geldbörse öffne und ihm gebe, was ich an Münzen finden kann.

Ein junger Bursche möchte mir historische Daten über die Anlage vermitteln. Ich winke ab, da ich denke, dass er mir eine private Führung aufdrängen möchte. Es ist mir dann sehr peinlich, als ich seine gute Absicht erkenne und dass er mir von Herzen gerne etwas erzählen möchte, nur um mit mir in Kontakt zu kommen. So sprechen wir für einige Zeit miteinander, über das was er macht und was mich nach Indien führt.

Dann kommt bereits die nächste Kontaktaufnahme mit einer Gruppe junger Studenten. Auch die bitten mich, ob ich mit ihnen auf einer Aufnahme zu sehen sein könnte. Die Szene wird noch dadurch verstärkt, dass ich links und rechts einen Arm um die Schulter gelegt bekomme. Mit so viel Offenheit und Freude im Kontakt habe ich nicht gerechnet.

 

Hier wird mir auch klar, dass man in Indien nie alleine ist. Es gibt keinen Ort, der nicht von Menschen belebt wird, meist sehr vielen. Stille und Einsamkeit sind eine Illusion.

 

Der Weg führt mich weiter in die Altstadt. An einem kleinen Straßenlokal, wo viele Menschen stehen, stärke ich mich mit einer Masala Dosa um 25 Rupien. Gestern zahlte ich noch 60 für die gleiche Portion. Ich darf aus nächster Nähe beobachten, wie eine Dosa nach der anderen vor meinen Augen auf einer großen heißen Platten zu einer knusprigen Köstlichkeit verarbeitet wird. Die Kartoffelmasse wird gleichmässig auf die Dosa aufgetragen. Dann wird sie zusammengerollt und mit je einer Tasse Sambar und Kokosnuss Chutney an den hungrigen Touristen übergeben. An einem schmalen Tisch verspeiste ich die Dosa mit einer Gruppe anderer Inder im Stehen. Mir wird von einem Studenten nebenan erklärt, dass ich nicht so sehr auf die Hygiene achten solle, dafür sei hier alles sehr billig. In meinem Geiste taucht die Angst auf, ich würde bald Durchfall leiden.

 

Die Altstadt entpuppt sich als ein riesiger Markt. Nahrungsmittel, Blumen, Textilien und religiöse Gegenstände werden feilgeboten. Teils direkt auf der Strasse oder in Läden, die oft so klein sind, dass gerade mal ein Mensch im Schneidersitz darin Platz findet. Auch hier finde ich ein wildes buntes Treiben, untermalt von permanentem Gehupe und einem Potpurie von Düften. Schritt um Schritt ein neuer Duft. Von Rosen, Räucherstäbchen, Urin, Autoabgasen, Holzkohlenfeuer und Kerosin-Abbrand durchtränkte Luft lässt einem manchmal schnell eine Seitengasse nehmen, damit man sich erholen kann. Für einen Augenblick zumindest.

Bei meiner Schlenderei durch die Gassen führt mich der Weg zu einem wunderschönen alten Tempel in einem großzügigen Innenhof. Der Tempel zu Ehren Ramas wird gerade renoviert. Er ist zum größten Teil aus Holz erbaut. Nur der wunderbare Turm ist aus Stein, voll von Gottheiten und religiösen Ornamenten. Hier, wie sonst auch überall, wird gewerkt. Indien, so scheint mir, ist eine einzige riesige Baustelle. Neues entsteht, Altes geht langsam kaputt. Alles hat seine Zeit, niemand drängt, dass die Dinge ihre Funktion erhalten mögen. Die Lösung ergibt sich von selbst, man muss nur abwarten. Noch nie ist mir Geburt und Zerfall, Schönheit und Grässlichkeit näher vor Augen geführt worden, als hier an diesem Ort. In Bombay hatte ich bereits nach der Ankunft das selbe Gefühl. Es ist das Gefühl, dass der Tod bereits nach der Geburt an allem nagt, den Menschen, den Tieren und der unbelebten Welt. Die ganze Dramatik des Lebens kann in einer indischen Großstadt auf engstem Raum erlebt und verstanden werden. Eigenartig, wie abgeklärt ich an verstümmelten Menschen, die im Dreck liegen vorbei gehen kann. Aber dann steht da eine Gruppe von Frauen in wunderschönen bunten Saris. Und dann wirst du von einem Inder freundlich angelächelt. Ich nehme die Dinge so wie sie sind. Mir bleibt nichts anderes übrig.

Nach einem langen Tag in der Stadt flüchte ich mich ins Hotel, flüchte aus Indien. Hier werde ich lediglich durch das Gehupe, das bis in den elften Stock dröhnt daran erinnert, dass ich nicht in Europa bin.

Ankunft Bombay

Bombay empfängt seine Gäste wie auf einem Friedhof. Am Flughafen warten bereits die Geier auf den Dächern der Gates auf ihre Gäste. Es riecht nach Moder im Flughafengebäude. Dies wird mit der hohen Luftfeuchtigkeit zusammen hängen. Aufpassen muss man, dass man bei der ganzen Imigrations Bürokratie keinen Zettel vergisst, die richtigen Antworten gibt. Auf den Koffer warte ich eine kleine Ewigkeit.

Mein Fahrer wartet auf mich, spricht leider keine Englisch, ist aber sehr freundlich und hilfsbereit.

Bombay hinterlässt einen prägenden Eindruck auf mich. Die Fahrt durch die Strassen gleicht einem Abenteuer. Gut, dass ich im Auto sitze und noch nicht auf die Strasse muss. Im Auto kühlt der Gestank von draußen auf angenehme Temperaturen ab. Als wir stehen bleiben, um Geld abzuheben, bemerke ich erst beim Aussteigen, dass eine Kuh neben mir steht und mir ihr Hinterteil entgegen streckt. Ich gehe zum Geldausgabe Automaten, der von einem Wachdienst geschützt wird. Gut, so habe ich ein sicheres Gefühl. Als ich tatsächlich mit meiner Bankomat Karte indische Rupien beheben kann, macht sich eine große Erleichterung breit. Mit 10.000 Rupien (120 Euro) werde ich lange durchkommen, wenn man bedenkt, dass man bereits um 30 Rupien ein warmes Essen bekommt. Nach schier endloser Fahrt durch die Vorstädte von Bombay gelangen wir aufs Land, um 3 Stunden später im Hotel Westin einzutreffen. Eine Sicherheitskontrolle wie auf einem Flughafen ist beim Betreten des Hotels obligatorisch. Die Sicherheitswache mit dem MG fällt mir erst beim Verlassen des Hotels auf. Ich erinnere mich der Anschläge in Bombay auf ein renommiertes Hotel vor Jahren. 

Indien hat mich wieder und ich bin sehr müde.